Geheilt aber nicht gesund - eine Frau entspannt mit ihrem Hund unter einem Baum
Für alle
Expertenbericht

Endlich geheilt – aber doch nicht richtig gesund

Geheilt aber nicht gesund - Expertin Dr. Brigitta Wössmer

Dr. Brigitta Wössmer
Psychoonkologin
Praxis für Psychotherapie und Psychoonkologie, Olten

5 Jahre – für jeden Krebsbetroffenen hat diese Ziellinie eine besondere Bedeutung, heisst sie doch: geheilt! Manchmal zieht die Krebsbehandlung allerdings Langzeitfolgen nach sich, mit denen die Betroffenen so nicht gerechnet haben. Dr. Brigitta Wössmer ist Psychoonkologin und begleitet Betroffene bei der Rückkehr in ihr neues altes Leben.

Dr. Wössmer, die Therapien sind überstanden, die Prognosen gut und die Vorfreude auf das alte Leben riesig. Wie realistisch ist eine schnelle Rückkehr in den Alltag?

Dr. Wössmer: Die letzte Therapie wird oftmals dick im Kalender eingetragen und ist für die meisten Betroffenen ein wichtiger Fixpunkt. Sie malen sich aus, was sie alles tun werden, wenn dieser Tag X endlich erreicht ist. Die Erwartungen und die Vorfreude sind riesig. Und dann ist es soweit und es herrscht nicht selten Ernüchterung.

 

Weshalb?

Dr. Wössmer: Oftmals verändern sich die Betroffenen während einer Krebserkrankung: Sie erleben eine existenzielle Ausnahmesituation, sind mit ihrer Gesundheit, mit Therapien und Untersuchungen beschäftigt, leben in einer Art Parallelwelt. Die Rückkehr in den Alltag, in dieses neue alte Leben braucht Zeit und Geduld. Es stellen sich viele Fragen und die Betroffenen sind von Unsicherheiten geplagt.

 

Kann man sich mental auf das Therapieende vorbereiten?

Dr. Wössmer: Ja. Die Hoffnung und Erwartung, dass nach monatelanger Behandlung nun endlich Normalität zurückkehrt, ist riesig. Insbesondere bei den Angehörigen. Sie sind während der Krebserkrankung ihrer Lieben manchmal mehr belastet als die Patient*innen selbst, erleben Hilflosigkeit und Angst. Gespräche helfen, um die gegenseitigen Erwartungen und Wünsche aufzufangen und einen neuen Umgang miteinander zu finden. Zudem verursacht eine Krebserkrankung vielfach auch Langzeitfolgen, mit denen die Betroffenen so nicht rechnen.

Die Rückkehr in den Alltag, in dieses neue alte Leben braucht Zeit und Geduld. 

Dr. Brigitta Wössmer

Damit wären wir beim Thema «geheilt aber nicht richtig gesund».

Dr. Wössmer: Genau. Mit der Zeit schwindet zwar das Rückfallrisiko, jedoch können die Krebstherapien oftmals teils schwerwiegende Langzeitfolgen nach sich ziehen. Diese wiederum können sich stark auf die Lebensqualität und den Alltag auswirken. Ich denke hier insbesondere ans Cancer-related Fatigue-Syndrom. Die Betroffenen leiden unter einer anhaltenden Müdigkeit und Erschöpfung, es fällt ihnen schwer den Alltag zu bewältigen.

 

Fünf Jahre nach Abschluss der Behandlung gelten Krebspatient*innen als geheilt. Was bedeutet diese Ziellinie für die Betroffenen?

Dr. Wössmer: Für Krebspatient*innen hat diese Schranke oftmals eine unglaublich grosse Bedeutung, auf die sie jahrelang hin zittern und hoffen. Vor jeder Kontrolluntersuchung steigt die Angst und die Anspannung; die dann einer Erleichterung weicht, wenn alles in Ordnung ist. Je mehr sich die Betroffenen den 5 Jahren nähern, desto grösser wird manchmal die Anspannung, dass so kurz vor dem Ziel der Krebs zurückkommen könnte.

Ich ermutige die Patient*innen, sich für die Tage vor der Kontrolle täglich etwas fest zu planen.

Dr. Brigitta Wössmer
Geheilt aber nicht gesund - eine Frau küsst ihren Hund

Wie können Betroffene mit der Angst vor der Nachkontrolle umgehen?

Dr. Wössmer: Vor der Nachkontrolle sind die meisten Patient*innen ängstlich, angespannt, unruhig -hängt doch so viel von diesem Resultat ab. Nicht wenige verschieben Unternehmungen oder Entscheide bis das Resultat vorliegt. Ich ermutige die Patient*innen sich für die Tage vor der Kontrolle, täglich etwas fest zu planen. Insbesondere, wenn sie nicht mehr im Arbeitsprozess eingebunden sind. Das kann etwa ein Spaziergang oder das Abarbeiten von To-do-Listen sein. Wichtig ist, dass nicht allzu viel leere Zeit vorhanden ist, in der sich zu grosse Angst ausbreiten kann. Es helfen Stopptechniken, sich auf’s Hier und jetzt zu besinnen und wahrzunehmen.

 

Was macht eine Krebserkrankung mit der Psyche der Erkrankten?

Dr. Wössmer: Der Krebs zieht den Betroffenen vielfach den Boden unter den Füssen weg, sie fühlen sich erschüttert und erleben einen Vertrauensverlust in den Körper und ins Leben. Zugleich machen sich in dieser Zeit oft auch ungeahnte Kräfte breit, die Betroffenen sind hoffnungsvoll und bereit zu kämpfen. Der Umgang ist sehr unterschiedlich und abhängig vom Krankheitsverlauf, vom Charakter, der Persönlichkeit, dem sozialen Umfeld und den Lebensumständen.

Journalistin: Anna Birkenmeier