Brustkrebs
Expertenbericht

Brust­krebs­forschung: Optimistischer Blick in die Zukunft

PD Dr. med. Marcus Vetter
Leitender Arzt
Medizinische Onkologie,
Mitglied Tumorzentrum, USB

Die Forschung im Bereich Brustkrebs läuft auf Hochtouren und es werden stetig neue Therapien entwickelt.

Federführend in der Schweiz ist hier ein Netzwerk aus Schweizer Krebsspezialisten, die gemeinsam das Ziel verfolgen, bestehende Krebsbehandlungen weiter zu entwickeln und zu verbessern. Die dabei gewonnenen Erkenntnisse kommen unmittelbar den Patientinnen zugute.

PD Dr. Marcus Vetter ist medizinischer Onkologe am Tumorzentrum des Universitätsspitals Basel und Mitglied der Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft für Klinische Krebsforschung (SAKK).

 

Im Gespräch mit Dr. Vetter

Wenn Sie auf die letzten 10 Jahre zurückblicken: Welche wegweisenden Neuerungen wurden in der Behandlung von Brustkrebs erzielt?

Das Wissen in der Onkologie hat sich in den vergangenen Jahren massiv verbessert. Wir können heute zum Beispiel eine Analyse der Aktivität einer Gruppe von Tumorgenen vornehmen (genomische Signatur), um vorauszusagen, ob eine Chemotherapie bei einer bestimmten Form von Brustkrebs nützlich ist (oder nicht). Denn nicht alle Brustkrebsarten brauchen eine Chemotherapie. Mit diesem Wissen können wir heute rund 25% der Patientinnen vor einer Überbehandlung bewahren. Neben den Fortschritten in der Forschung tragen auch weitere Faktoren wie etwa verbesserte Operationsmethoden, Früherkennungsmassnahmen und bessere Diagnostik zu den guten Prognosen bei.

 

Über 80 Prozent der Patientinnen mit Brustkrebs können heute geheilt werden. Wie haben sich die Prognosen beim metastasierten Brustkrebs verändert?

Auch hier hat sich viel getan und uns stehen zahlreiche neue Medikamente zur Verfügung. So haben wir etwa beim hormonrezeptorpositiven metastasierten Brustkrebs ganz neue Behandlungsmöglichkeiten, die lebensverlängernd und gleichzeitig sehr verträglich sind. CDK4/6-Inhibitoren sind Medikamente (Tabletten), die direkt den Zellzyklus angreifen. Die Krebszelle kann folglich nicht mehr weiterwachsen und stirbt ab. Diese Behandlungsform in Kombination mit einer Antihormontherapie ist mittlerweile beim fortgeschrittenen Hormonrezeptor-positiven Brustkrebs ein Standard. Mit dieser Behandlung können wir im Durchschnitt bis zu 3 Jahre den Krebs kontrollieren, bevor wir auf eine nächste Behandlung z.B. eine andere zielgerichtete Therapie oder Chemotherapie übergehen müssen.

«Die Forschung bei Brustkrebs läuft auf Hochtouren – und das sowohl in den Bereichen Operation, Radiologie und Vorsorge wie auch bei neuen Therapien»

PD Dr. med. Marcus Vetter

Welchen Einfluss hat das zunehmende Wissen aus dem Bereich der Genetik auf neue Behandlungsformen?

Wir wissen heute zum Beispiel sehr viel mehr über vererbte Brustkrebserkrankungen und können auch hier neue Medikamente einsetzen. So wird ein grosser Teil der erblichen Brustkrebserkrankungen durch eine Mutation der Breast-Cancer-Gene (BRCA) 1 und 2 ausgelöst. Hat ein solcher Brustkrebs bereits metastasiert, können sogenannte Poly-ADP-Ribose-Polymerasen-(PARP-) Inhibitoren gute Ergebnisse erzielen. Diese zielen selektiv auf die Tumorzellen ab und werden in Tablettenform verabreicht.

 

Neue Medikamente, auch Chemotherapeutika, werden vermehrt in Tablettenform verabreicht. Welche Vorteile ergeben sich dadurch für Patientinnen?

Tabletten sind meist verträglicher und haben teilweise weniger Nebenwirkungen. Dadurch wird die Bereitschaft der Patientinnen erhöht, die Medikamente auch regelmässig einzunehmen, was sich wiederum auf den Behandlungserfolg positiv auswirkt. Des weiteren müssen die Patientinnen und seltener zum Arzt und haben so mehr Freiräume neben der Behandlung. Die Forschung zielt zunehmend darauf ab, orale Therapien zu entwickeln. Allerdings passt diese nicht für jede Patientin. Es gibt in der Klinik mittlerweile auch verschiedene «Antikörper-Chemotherapie-Konjugate», die intravenös verabreicht werden, sehr gut wirken und auch noch gut verträglich sind.

Stichwort Forschung: was tut sich hier derzeit?

Die Forschung bei Brustkrebs läuft auf Hochtouren – und das sowohl in den Bereichen Operation, Radiologie und Vorsorge wie auch bei neuen Therapien. In meinem Gebiet, der medizinischen Onkologie, wird es in Zukunft viele neue Medikamente geben, welche die Krankheit besser kontrollieren und aufhalten können. Ich erwarte, dass auch metastasierter Brustkrebs in den kommenden Jahren in eine Art chronischen Zustand verwandelt werden kann.

 

Wie sieht die Zusammenarbeit zwischen den forschenden Spitälern aus?

In der Krebsmedizin sind wir in der Schweiz gut vernetzt und erfahren Unterstützung durch die Schweizerische Arbeitsgemeinschaft für Klinische Krebsforschung (SAKK). Hier sind verschiedene Schweizer Spitäler involviert und es gibt für jede Tumorart einzelne Projektgruppen. Wir treffen uns regelmässig, sprechen uns ab und führen gemeinsam Studien durch. Dabei koordiniert das SAKK die Studien und verhindert damit Doppelspurigkeit.

 

Gibt es in der Schweiz denn überhaupt genügend Patientinnen und Patienten für klinische Studien?

Die Vernetzung durch das SAKK ist so gut, dass man sich gegenseitig hilft und dass es folglich auch genügend Patientinnen gibt, damit wir klinische Studien durchführen können. Jedes Jahr werden rund 1'500 Patientinnen und Patienten im Rahmen von unseren klinischen Studien behandelt. In den Bereichen translationale Forschung, Phase I und II sind gute Erfolge zu verzeichnen.

 

Zum Schluss:

Wie wird die Behandlung von Brustkrebs in 5 Jahren aussehen?

Der Blick in die Zukunft stimmt mich optimistisch. Wir werden in Zukunft noch zielgerichteter und schonender behandeln können. So wird derzeit an verschiedenen Medikamentenkombination aus Antikörper und Chemotherapie geforscht. Der Antikörper gelangt dabei zielgenau an die Krebszelle und lädt dort die Chemotherapie ab. Dadurch kann die Wirksamkeit deutlich erhöht und Nebenwirkungen vermindert werden. Zudem erwarte ich eine gute Behandlungsmöglichkeit durch Immuntherapien und speziell auf die Patientinnen und deren Tumore zugeschnittene Zelltherapien.

Autorin: Anna Birkenmeier