Prostatakrebs
Expertenbericht

Prostata­krebs: vom Screening zur Behand­lung

Dr. Marie-Laure Amram, Fachärztin Cité Générations, Onex

Dr. med. Marie-Laure Amram
Fachärztin FMH für medizinische Onkologie,
Cité Générations, Onex

Prostatakrebs ist die häufigste Krebserkrankung bei Männern über 65 Jahren. Jedes Jahr werden in der Schweiz mehr als 6'000 neue Fälle entdeckt.

Wie funktioniert die Früherkennung? Welche Behandlungen gibt es? Wie begleitet man Patienten angesichts einer Erkrankung, die direkt ihre Männlichkeit betrifft? Wir ziehen Bilanz mit Dr. Marie-Laure Amram, Fachärztin FMH für medizinische Onkologie, Cité Générations, Onex.

 

Im Gespräch mit Dr. Amram

Frau Amram, stimmt es, dass Prostatakrebs im Frühstadium keine Symptome verursacht?

Prostatakrebs entwickelt sich in der Regel über einen langen Zeitraum symptomfrei. Es handelt sich um eine Krebserkrankung, die normalerweise langsam fortschreitet (10 bis 15 Jahre), meist schleichend. Erst wenn der Tumor die Harnröhre verengt, treten Probleme auf: eine Abnahme der Stärke des Harnstrahls, häufiger Harndrang, auch nachts, Schmerzen oder Schwierigkeiten beim Wasserlassen. Diese Symptome können auch mit einer gutartigen Erkrankung zusammenhängen. Treten sie jedoch auf, ist ein Arztbesuch unerlässlich. Die Erkennung des Prostatakrebses erfolgt meistens im Rahmen einer Routineüberprüfung bei einer Blutentnahme. Dabei wird der PSA-Wert, sprich das Prostataspezifische Antigen, gemessen.

 

Welche Screening-Standards gibt es? Wie erfolgt das Screening?

Die Mehrheit der Forschungsgesellschaften unterstreicht die Wichtigkeit einer Früherkennung für Männer unter 75 Jahren mit einer Lebenserwartung von mehr als zehn Jahren. Die Früherkennung der Erkrankung ermöglicht eine Senkung der Mortalität und eine Verringerung der diagnostizierten Metastasenformen. Hauptziel ist es, das Fortschreiten von aggressivem Prostatakrebs zu verhindern.

«Wenn keine Risikofaktoren vorliegen, ist ein individuelles Screening für Männer zwischen 50 und 74 Jahren empfehlenswert.»

Dr. Marie-Laure Amram

Weshalb fürchten sich Männer vor dem Screening?

Der erste Diagnoseschritt ist eine digitale rektale Untersuchung. Diese muss routinemässig durchgeführt werde, auch wenn das PSA normal ist. Solch ein Test ist nicht besonders angenehm. Eine digitale rektale Untersuchung kann auch dann unauffällig sein, wenn ein Patient Prostatakrebs hat. Wird eine Anomalie bei der rektalen Untersuchung oder beim PSA-Wert festgestellt, erfolgt eine Prostatabiopsie. Nur die Gewebeentnahme kann die Diagnose Prostatakrebs bestätigen. Sie erlaubt es zudem, die Aggressivitätsstufe (Gleason-Score) des Krebses zu ermitteln.

 

Welche langfristigen Nebenwirkungen haben Therapien oder Komedikationen?

Die therapeutische Strategie hängt vom Stadium der Krankheit, dem Aggressivitätsgrad, von allfälligen Harnsymptomen, von Begleiterkrankungen und Komedikationsfaktoren sowie von der Lebenserwartung der Patienten ab. All diese Faktoren sind bei der Besprechung des Patientendossiers unerlässlich. Jede Behandlungsart hat ihre eigenen, spezifischen Nebenwirkungen. Dazu gehören beispielsweise Erektionsstörungen oder Inkontinenz. Dies muss dem Patienten kommuniziert werden – sowohl die Vorteile wie auch die Nebenwirkungen sowie die verschiedenen Alternativen einer Behandlung. Das letzte Wort bei der Bestimmung der Behandlungsstrategie liegt beim Patienten.

 

Verschiedene Wege

Kann eine Behandlung die Lebensqualität verbessern?

Je nach Krankheitsstadium gibt es verschiedene Wege, Prostatakrebs zu behandeln: Von operativen Eingriffen über Strahlentherapie bis zu Hormon- oder Chemotherapie. Diese Behandlungen können exklusiv oder in kombinierter Form erfolgen. Bei metastasierendem Prostatakrebs haben verschiedene Moleküle ihre Wirksamkeit sowohl bei der Erhöhung der Überlebenschancen als auch bei der Verbesserung der Lebensqualität der Patienten unter Beweis gestellt. Wenn die Risiken den Nutzen überwiegen, überlasse ich meinen Patienten immer die Wahl, die Behandlung abzubrechen. Ziel ist es, die Behandlung auf die mit der Krankheit verbundenen Symptome zu konzentrieren und gleichzeitig auf das Patientenwohl zu achten.

Den Patienten stellt sich also die Frage: Welche Option zwischen Überleben und Lebensqualität wähle ich?

Diese Frage wird während Patientengesprächen oft gestellt. Es gibt verschiedene Therapiemöglichkeiten, die den Patienten angeboten werden müssen. Einige ziehen die Lebensqualität auf Kosten besserer Überlebenschancen vor. Die Aufgabe des Onkologen ist es, die Patienten bei ihren Entscheidungen zu begleiten. Die Behandlung von krebsbedingten Symptomen und insbesondere von Schmerzen, die bei metastasierenden Knochenerkrankungen auftreten können und von denen mehr als 90 Prozent der metastasierenden Prostatakarzinome betroffen sind, ist ein wesentlicher Bestandteil des Palliativmanagements. Die symptomatische Behandlung entlastet die Patienten und erhält ihre Autonomie so weit wie möglich.

 

Die Prostatakrebserkrankung ist immer noch ein Tabu, da sie die Männlichkeit beeinträchtigt. Was möchten Sie betroffenen Männern mitgeben?

Es stimmt, dass Prostatakrebs die Männlichkeit beeinträchtigt. Der Hormonentzug bei der Behandlung von Prostatakrebs bringt die männlichen Zyklen durcheinander und beschleunigt die Wechseljahre des Mannes. Hinzu kommen Gewichtszunahme, eine Verminderung des sexuellen Verlangens sowie Erektionsstörungen. Die grossen Auswirkungen der onkologischen Behandlung auf die sexuelle Gesundheit und die psychologischen Aspekte sollten nie übersehen werden.

«Ärzte müssen für diese Problematik sensibilisiert werden.»

Dr. Marie-Laure Amram

Es gibt ein Netzwerk von Spezialisten, an die sich Patienten bei Schwierigkeiten, insbesondere hinsichtlich ihrer sexuellen Gesundheit, wenden können. Wichtig ist, durch das Gespräch mit dem behandelnden Arzt, Missverständnisse und Ängste zu überwinden. Ärzte sollten nicht vergessen, dass Krebs nicht nur eine somatische (körperliche) Krankheit ist, sondern auch zu psychologischen Problemen führen kann. Es gilt daher, einen kranken Körper und auch den Menschen als Ganzes zu pflegen.

Autor: Thierry Andenmatten