Brustkrebs
Angehörige

«Auch ein Mann darf Schwäche zeigen!»

Die Brustkrebsdiagnose meiner Frau Rahel hat mich tief erschüttert. Dazu stehen konnte ich anfänglich nicht, zu sehr war in mir verankert, dass ein Mann stark sein muss. Ein Irrglaube, der mich fast meine Gesundheit gekostet hätte.

Beda Wermelinger

Die Diagnose war für mich ein Schock und gleichzeitig so unfassbar. Meine starke Frau, sportlich, energiegeladen und immer voller Pläne soll schwer krank sein? Wenige Wochen zuvor war unser zweites Kind geboren worden, eine kleine Tochter, die unsere Familie komplett machte. Während dem Stillen hatte Rahel einen Knoten entdeckt. Wahrscheinlich ganz harmlos, eine verstopfte Brustdrüse oder so, dachten wir. Als kurz darauf die Diagnose Brustkrebs kam, fühlte ich mich wie in einem falschen Film, weit weg von meinem eigenen Leben. Nie werde ich den Blick meiner Frau vergessen – die Augen voller Angst. Mir gingen tausend Szenarien durch den Kopf: Ich alleine mit zwei kleinen Kindern und einer Frau, die ich pflegen muss. Gleichzeitig war ich auch voller Zuversicht, hatte ich doch bei Rahels Mutter erlebt, wie gut die Heilungschancen bei Brustkrebs sind.

Es war ein Auf und Ab der Gefühle, im tiefsten Inneren aber war ich erschüttert.

Einen wesentlichen Beitrag zu unserer tiefen Erschütterung leistete auch Rahels damaliger Onkologe. Völlig unsensibel und brutal sagte er uns, was alles nicht mehr möglich sein wird, was Schlimmes auf uns zukommen wird. In diesem Moment, voller Angst und Ungewissheit, hätte ich mir von einem Arzt mehr Menschlichkeit und Feingefühl gewünscht. Später, rückblickend zu spät, haben wir dann den Arzt gewechselt. Dass dies schon viel früher möglich gewesen wäre, sagte uns damals niemand.

 

Funktionieren bis zur Erschöpfung

Meine Frau musste sich in der Folge einer extrem starken Chemotherapie unterziehen. Aufgrund ihres jungen Alters, Rahel war damals 37 Jahre alt, bekam sie die absolut höchste Dosis. Ihr ging es miserabel, die Nebenwirkungen waren unerträglich; gleichzeitig waren da unsere kleinen Kinder, die ihre Mama wollten und nicht verstanden, was vor sich ging. Unsere Tochter machte die Nacht zum Tag, an Schlaf war nicht zu denken. Für mich begann damals der Fall ins Bodenlose – bewusst wurde mir das allerdings erst viele Monate später, als es schon fast zu spät war. Die erste Zeit habe ich einfach funktioniert: Arbeit, Haushalt, Kinder, kranke Frau. Tag für Tag lag der Fokus auf dem Funktionieren. Für eigene Bedürfnisse war kein Platz, die Zeichen meines Körpers wurden ausgeblendet. Zu tief war in mir verankert: Ich bin ein Mann und der zeigt keine Schwäche. Der hat Kraft ohne Ende, meistert jede Situation und packt auch den Job mit links. Wie ignorant ich doch damals war. Mein Körper rebellierte. Im Job wurde meine Leistung immer schlechter, der Druck von Seiten meines Arbeitgebers immer grösser. Funktioniert habe ich da schon lange nicht mehr.

Rahel, Giulietta, Alessio & Beda

Wie auch, nach durchwachten Nächten und einem morgendlichen Wettlauf zu Kindergarten und Kinderkrippe. Wie hätte ich damals pünktlich zur Arbeit erscheinen und volle Leistung bringen sollen? Meinem Arbeitgeber erklärte ich immer und immer wieder meine Situation, schilderte ihm meine Gefühle und Ängste, in der Hoffnung, ich würde auf Verständnis stossen. Fehlanzeige!

 

Ich musste die Reissleine ziehen

Nach einem halben Jahr rotieren, einigermassen funktionieren und vor allem viel ignorieren, kam der Moment, indem ich die Reissleine ziehen musste. Ich war dermassen am Anschlag, ausgebrannt und stand völlig neben mir. Ich liess mich bei der Arbeit krankschreiben und begann, mich neu zu ordnen. Schwäche zu zeigen und Hilfe von aussen anzunehmen, war neu für mich, gleichzeitig war es unglaublich wohltuend, hinzustehen und zu sagen: «Ich bin zwar ein starker Mann, aber ich schaffe diese Situation so nicht mehr». Was begann, war ein längerer Prozess. Mich quälten existenzielle Fragen, ich musste mich mit mir und meinen Gefühlen auseinandersetzen und herausfinden was ich wirklich wollte. Ich habe mir bewusst Zeit für mich genommen, Sport getrieben und viel Yoga gemacht. Mit der Zeit zeigte sich immer mehr Licht am Ende des Tunnels, die Hoffnung kam zurück. Ich habe mich beruflich neu orientiert und weiss heute besser denn je, was ich möchte und was mir guttut. Geholfen hat uns damals, neben unserem sozialen Umfeld, auch die Krebsliga. Sie war für uns eine wichtige Anlaufstelle, stand uns jederzeit kompetent zur Seite und war immer für uns da. Auch, als wir die hohen Kosten, welche plötzlich und unerwartet auf uns zukamen, als normal-versicherte 
Familie nicht mehr tragen konnten.

 

Beziehung hat an Tiefe gewonnen

Die Beziehung zu Rahel hat sich verändert, sie ist heute, vier Jahre nach der Diagnose, tiefer denn je. Wir mussten uns neu kennenlernen, unsere Sexualität neu entdecken. Heute kann ich sagen, dass wir besser denn je zusammen funktionieren und uns dieses Gefühl «Wir schaffen gemeinsam alles» extrem verbindet. Rahel hat zu alter Stärke zurückgefunden, sie ist agil, voller Pläne und Ideen und hat wieder Vertrauen ins Leben. Wenn ich ihr in die Augen schaue, sehe ich, dass sie zurück ist.

Es war ein langer Prozess, aber das kämpfen hat sich für uns alle gelohnt.

Was ich anderen Betroffenen in solch einer Situation rate?

Hört auf euch und euren Körper, nehmt Hilfe an und versucht nicht, den ewig Starken zu spielen. So eine Situation grounded jeden. Egal in welchem Alter.