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Forschung

Revolution in der Onkologie

Prof. Dr. med. Christoph Driessen
Chefarzt Klinik für Onkologie/ Hämatologie
Kantonsspital St. Gallen

Neue Behandlungsoptionen haben die Onkologie in den vergangenen Jahren revolutioniert. Viele Krebsformen lassen sich heute gut therapieren und können in einen chronischen Verlauf gebracht werden.

In den vergangenen Jahren hat sich viel getan in der Krebsmedizin und die Diagnose Krebs bedeutet schon lange kein Todesurteil mehr. Dank neuen Therapien können heute rund 50 Prozent der Erkrankten geheilt werden. «Wir verstehen den Krebs heute sehr viel besser und können ihn zielgerichteter behandeln. Für fast alle Krebsarten haben sich die Prognosen massiv verbessert», sagt der Onkologe und Hämatologe Prof. Dr. Christoph Driessen vom Kantonsspital St. Gallen. Verantwortlich dafür sind zum einen molekular gerichtete Therapien, zum anderen immunologisch vermittelte Behandlungen.

«Die molekular gerichteten Therapien nahmen ihren Anfang, als man verstanden hat, dass die chronisch myeloische Leukämie durch eine einzige Genveränderung verursacht wird.»

Prof. Christoph Driessen

Mit einem zielgerichteten Medikament konnte die Genveränderung molekular gestoppt werden. Viele der Patienten werden heute geheilt und ein Grossteil von ihnen kann das Medikament sogar absetzen. «Indem man die Treiber von Krebs erkennt, kann man sie verstehen und mit spezifischen molekularen Medikamenten dagegen angehen. In vielen Fällen sind wir damit erfolgreich», so Driessen. Die andere grosse Veränderung ist die Einführung von Immuntherapien. Mit diesen kann das Immunsystem so genutzt werden, dass es in der Lage ist den Krebs zu kontrollieren und in einigen Fällen sogar zu heilen.

 

«Die Ängste bleiben die gleichen»

Prof. Driessen betont, dass viele Krebserkrankungen heute in einen chronischen Verlauf übergehen: «Als ich vor 30 Jahren mit meinem Medizinstudium begonnen habe, war das mittlere Überleben beim multiplen Myelom rund zwei Jahre. Heute kann mit zielgerichteter Therapie ein Patient durchschnittlich über 10 Jahre leben». Damit hat sich die Perspektive der Ärzte und Patienten stark verändert. Früher ging es unmittelbar um Krisenintervention, damit ein Überleben von wenigen Jahren erreicht wurde. Heute ist das langfristige Ziel die Kontrolle der Erkrankung und die Patienten müssen lernen, mit einem chronischen Verlauf zu leben.

Obschon sich die Behandlungsoptionen stark verbessert haben, bleibt Krebs ein emotionales, einschneidendes Thema. «Die Art und Weise, wie Menschen mit diesen Ängsten, dieser akuten Bedrohung umgehen, wird sich nicht gross ändern – trotz der verbesserten Möglichkeiten», betont Driessen. Der Onkologe sieht seine Aufgabe denn auch darin, gemeinsam mit einem Team aus Pflegefachpersonen und Psychoonkologen die Patienten individuell zu begleiten und ihnen den Weg im Behandlungsdschungel zu zeigen.

Autorin: Anna Birkenmeier