«Wer gut für sich sorgt, hat mehr Kraft für andere»
Eine Krebserkrankung löst bei Angehörigen oft widersprüchliche Gefühle aus. Psychoonkologin Anita Schmidt erklärt im Interview, wie ein bewusster Umgang damit entlasten kann – und weshalb es wichtig ist, auch auf sich selbst zu achten.
Frau Schmidt, Angehörige von Krebspatientinnen und -patienten stehen oft unter grosser emotionaler Belastung. Mit welchen Gefühlen sind sie besonders häufig konfrontiert?
Schmidt: Nach der Diagnose dominieren oft Traurigkeit, Angst, Hilflosigkeit und Ohnmacht. Im weiteren Verlauf kann Wut aufkommen, etwa über die Erkrankung selbst, über Einschränkungen im Alltag, über die neue Situation. Nicht selten können auch Schuldgefühle auftreten, etwa wenn Angehörige das Gefühl haben, nicht genug zu tun oder ambivalente Emotionen erleben. Viele sind während der Begleitung zudem körperlich und psychisch erschöpft.
Die Situation ist zudem belastend, weil Angehörige einerseits mit den Gefühlen der erkrankten Person umgehen müssen, andererseits aber auch stark von ihren eigenen Emotionen betroffen sind. Je nachdem, wie offen oder zurückhaltend Gefühle wahrgenommen und ausgedrückt werden, kann es zu Missverständnissen oder Spannungen kommen; insbesondere dann, wenn unterschiedliche Bewältigungsstrategien aufeinandertreffen.
Manchmal sind auch Kinder Angehörige. Welche Gefühle kann eine Krebserkrankung von Mama oder Papa bei ihnen auslösen?
Schmidt: Kinder sind mit der Krebserkrankung eines Elternteils überfordert. Sie können das Geschehen noch nicht einordnen und reagieren oft mit Ängsten – etwa mit der Sorge, dass Mama oder Papa sterben könnten. Vor allem jüngere Kinder sind darauf angewiesen, dass Erwachsene sie im Umgang mit diesen Gefühlen begleiten und ihnen Sicherheit vermitteln.
Wie erleben Erwachsene diesen Spagat zwischen eigener Überforderung und der Verantwortung, ihrem Kind Halt zu geben?
Schmidt: Für Eltern ist diese Situation besonders fordernd. Sie sind selbst emotional stark belastet und verfügen in dieser Phase oft nur über begrenzte Ressourcen, um die Gefühle ihrer Kinder wahrzunehmen und aufzufangen. Gleichzeitig brauchen Kinder genau diese Aufmerksamkeit und Orientierung. Kindern und Jugendlichen hilft es, wenn offen, ehrlich und altersgerecht kommuniziert wird. Gespräche auf Augenhöhe – angepasst an das jeweilige Entwicklungsalter – können Ängste reduzieren und Vertrauen schaffen.
Manche Kinder reagieren mit Rückzug und fressen ihre Sorgen in sich hinein. Wann sollte man hellhörig werden?
Schmidt: Wenn sich ein Kind plötzlich anders verhält, als man es von ihm kennt. Beispielsweise wenn das Kind frühere Hobbys meidet oder den Kontakt zu Freundinnen und Freunden verliert. Solche Veränderungen können ein Zeichen dafür sein, dass es stark belastet ist. Wichtig ist, dem Kind Sicherheit durch vertraute Routinen zu geben und wiederholt Gesprächsangebote zu machen. Hilfreich kann zudem sein, eine Vertrauensperson ausserhalb der Kernfamilie einzubeziehen, beispielsweise eine Grossmutter, einen Götti. Je nach Vertrauensverhältnis zu Lehrpersonen kann auch dort eine offene Kommunikation hilfreich sein, damit diese Veränderungen wahrnehmen und ansprechen können.
Wut auf die Erkrankung ist sowohl bei Kindern als auch bei Erwachsenen ein häufiges Gefühl. Weshalb tritt sie oft in Kombination mit Schuldgefühlen auf?
Schmidt: Wut und Schuldgefühle treten häufig gemeinsam auf, weil Wut in belastenden Situationen schnell als «nicht erlaubt» erlebt wird. Viele Angehörige fragen sich: Darf ich wütend sein, obwohl es der anderen Person so schlecht geht? Hinzu kommt, dass Wut von Umständen ausgelöst wird, die nur bedingt kontrollierbar sind: gegen die Krankheit, gegen das Schicksal oder auch gegen sich selbst. Gedanken wie «Ich müsste stärker sein», «Ich mache nicht genug» oder «Ich dürfte nicht so fühlen» verstärken das Schuldgefühl. Bei Kindern wie auch bei Erwachsenen wird Wut deshalb häufig unterdrückt.
«Gespräche auf Augenhöhe können Ängste reduzieren und Vertrauen schaffen.»
Manchmal richtet sich die Wut auch gegen die erkrankte Person selbst.
Schmidt: Das kann vorkommen – etwa, wenn Empfehlungen der Ärztinnen und Ärzte nicht eingehalten oder Entscheidungen gegen eine Therapie getroffen werden. Solche Gefühle sind bei Angehörigen oft mit Scham verbunden und bleiben unausgesprochen. Wie gut damit umgegangen werden kann, hängt stark davon ab, wie offen und wertschätzend die Kommunikation bereits vor der Erkrankung war.
Trauer beginnt für Angehörige oft schon während der Krankheit. Was bedeutet diese «vorweggenommene Trauer»?
Schmidt: Vorweggenommene Trauer beschreibt einen Trauerprozess, der bereits einsetzt, bevor ein Mensch stirbt. Zum Beispiel dann, wenn klar wird, dass eine Erkrankung nur noch palliativ behandelt werden kann. Ein Patient erzählte mir nach dem Tod seiner Frau, er habe Angst gehabt, in «ein Loch» zu fallen. Diese Befürchtung habe sich nicht bewahrheitet, weil sein Trauerprozess bereits früher begonnen hatte. Trauer bezieht sich nicht nur auf den Tod, sondern auch auf den Verlust des bisherigen Lebens, von Routinen, Rollen und Zukunftspläne.
Wo finden Angehörige konkrete Hilfe und Unterstützung?
Schmidt: Psychoonkologische Sprechstunden stehen auch Angehörigen offen. Darüber hinaus bietet die Krebsliga vielfältige Unterstützung an: Beratungsgespräche, Peer-Angebote und Selbsthilfegruppen. Viele empfinden den Austausch mit Menschen in ähnlichen Situationen als entlastend. Auch praktische Hilfe im Alltag kann entlasten, etwa durch Spitex-Leistungen, Haushaltshilfen und Fahrdienste. Ebenso wichtig ist es, Freunde und das persönliche Umfeld bewusst um Unterstützung zu bitten.
Für Familien mit Kindern gibt es zudem Broschüren und Bilderbücher, die helfen, altersgerecht über Krebs zu sprechen. Ergänzend können auch Selbsthilfeangebote für Kinder und Jugendliche wertvoll sein.
Zum Schluss: Was möchten Sie Angehörigen mit auf den Weg geben?
Schmidt: Angehörige dürfen – und sollen – auf sich selbst achten. Es ist erlaubt, erschöpft, überfordert und traurig zu sein . Alle Gefühle sind erlaubt. Und es ist ebenso erlaubt, Hilfe anzunehmen. Sich Unterstützung zu holen, ist kein Zeichen von Schwäche, sondern kann für alle Beteiligten entlastend sein. Wer gut für sich sorgt, hat mehr Kraft für andere. Ebenso wichtig ist eine offene Kommunikation: Gedanken, Sorgen und Ängste müssen nicht alleine getragen werden.
Datum: 20.04.2026