«Brustkrebs ist zwar selten beim Mann, aber er kommt vor»
Brustkrebs bei Männern ist selten und doch erhalten jährlich rund 60 Männer schweizweit diese Diagnose. Welche Warnzeichen Männer ernst nehmen sollten und welche Rolle die Genetik spielt, erklären Breast Care Nurse Christine Wolf und Brustchirurg Ziad Atassi vom Brustzentrum Zürichsee.
Frau Wolf, Sie sind Breast Care Nurse und begleiten Betroffene von der Diagnose bis zur Nachsorge. Wie oft hatten Sie schon einen Mann in Ihrer Sprechstunde?
Christine Wolf: Ganz ehrlich: Ich hatte bisher noch keinen Mann in meiner Sprechstunde. Männer nehmen das Angebot einer Breast Care Nurse wohl eher nicht in Anspruch. Sie lassen sich meistens direkt vom behandelnden Arzt beraten. Dabei würden wir Männer natürlich genauso gerne begleiten wie Frauen - vor allem bei Fragen zu Nebenwirkungen und zum Umgang mit der Diagnose, während der Behandlung und in der Nachsorge.
Herr Dr. Atassi, wie viele Männer mit Brustkrebs haben Sie bisher betreut?
Dr. med. Ziad Atassi: Ich bin seit der Zentrumsgründung vor acht Jahren am Brustzentrum Zürichsee – und in dieser Zeit waren es hier insgesamt vier Männer. Das zeigt schon, wie selten die Erkrankung bei Männern ist. Bei Frauen gibt es jährlich rund 7000 neue Brustkrebsfälle, bei einem mittleren Erkrankungsalter von 64 Jahren. Bei Männern sind es durchschnittlich 60 Fälle pro Jahr, und die Männer sind bei der Diagnose im Mittel 71 Jahre alt.
Was bedeutet es für einen Mann, wenn er die Diagnose Brustkrebs bekommt?
Atassi: Das Erste ist bei vielen sicher die Überraschung. Ein Mann denkt bei einem Knoten in der Brust normalerweise nicht an Krebs. Viele wissen gar nicht, dass Männer überhaupt Brustkrebs bekommen können.
Wolf: Das ist auch ein Grund, weshalb wir das Thema stärker in die Öffentlichkeit bringen möchten. Brustkrebs ist zwar selten beim Mann, aber er kommt vor. Und je früher eine auffällige Veränderung abgeklärt wird, desto besser.
Welche Veränderungen können bei einem Mann auf Brustkrebs hindeuten?
Wolf: Ein typisches Warnzeichen ist, wie bei Frauen, ein Knoten, der sich in der Brust ertasten lässt. Bei betroffenen Männern besteht zudem häufig eine Gynäkomastie, also eine Vergrösserung des Brustgewebes.
Wie wird Brustkrebs beim Mann behandelt?
Atassi: Die Behandlung richtet sich grundsätzlich nach den gleichen Kriterien wie bei Frauen. Entscheidend sind beispielsweise die Grösse und Ausbreitung des Tumors, der Lymphknotenbefall und die biologischen Eigenschaften des Tumors.
Die meisten Brusttumoren bei Männern sind hormonrezeptorpositiv. Deshalb spielt die antihormonelle Therapie eine besonders wichtige Rolle. Eine brusterhaltende Operation ist beim Mann kein Thema; die Brustdrüse wird deshalb vollständig entfernt. Häufig wird gleichzeitig der sogenannte Wächterlymphknoten untersucht.
Je nach Tumor können danach weitere Behandlungen notwendig sein, beispielsweise eine Bestrahlung, Chemotherapie oder eine antihormonelle Therapie.
«Individuell auf die persönlichen Bedürfnisse jedes einzelnen Patienten abgestimmt, können wir Breast Care Nurses eine Vielzahl an begleitenden Massnahmen empfehlen.»
Wie erleben Männer die körperlichen Veränderungen nach einer Brustkrebsoperation?
Atassi: Bei den Männern, die ich bisher betreut habe, hatte ich den Eindruck, dass die körperlichen Veränderungen weniger im Vordergrund standen. Der Verlust der Brust oder der Brustwarze war für sie offenbar kein grosses Thema. Daraus möchte ich aber keine allgemeine Aussage ableiten. Vielleicht sprechen Männer auch einfach weniger darüber.
Frauen berichten bei einer antihormonellen Therapie häufig von Wechseljahresbeschwerden. Wie ist das bei Männern?
Wolf: Auch Männer können unter Müdigkeit, Hitzewallungen, Gewichtszunahme, Leistungsabfall und Stimmungsschwankungen leiden, um nur einige Nebenwirkungen zu nennen. Da die Therapie oft mehrere Jahre dauert, ist es wichtig, offen über solche Nebenwirkungen zu sprechen.
Auch eine Veränderung der Sexualität kann ein Thema sein. Individuell auf die persönlichen Bedürfnisse jedes einzelnen Patienten abgestimmt, können wir Breast Care Nurses hier eine Vielzahl an begleitenden Massnahmen empfehlen und darüber hinaus auch die Kontakte zu unseren entsprechenden Netzwerkpartnern vermitteln.
Welche Rolle spielt die Genetik beim männlichen Brustkrebs?
Atassi: Eine ziemlich wichtige. Bei Männern ist der Anteil der genetisch bedingten Erkrankungen höher als bei Frauen. Besonders bekannt sind Veränderungen in den BRCA1- und BRCA2-Genen.
Wenn bei einem Mann Brustkrebs diagnostiziert wird, kann deshalb eine genetische Beratung und gegebenenfalls eine Testung sinnvoll sein. Wird eine krankheitsrelevante Mutation gefunden, betrifft das nicht nur den Patienten selbst. Dann können auch Kinder, Geschwister und weitere Verwandte betroffen sein und sollten sich beraten lassen.
Je nach Mutation kann ausserdem das Risiko für andere Krebsarten erhöht sein. Bei Männern spielt beispielsweise auch das Prostatakrebsrisiko eine Rolle.
Frau Wolf, was möchten Sie Männern mit Brustkrebs mit auf den Weg geben?
Wolf: Männer dürfen sich Unterstützung holen und müssen die Erkrankung nicht alleine bewältigen. Brustkrebs ist bei Männern selten, aber es gibt ihn. Wir Breast Care Nurses sind für die Betroffenen da, genauso für Männer wie für Frauen.
Und was ist Ihnen wichtig, Herr Dr. Atassi?
Atassi: Männer sollten ihre Brust regelmässig selbst abtasten und Veränderungen ernst nehmen. Bei Unklarheiten sollten sie sich frühzeitig an ihren Hausarzt oder ein Brustzentrum wenden. Wenn ein Mann an Brustkrebs erkrankt, sollte zudem immer an eine mögliche genetische Ursache gedacht werden. Deshalb ist es wichtig, auch die Familie einzubeziehen und gegebenenfalls Kinder und Geschwister genetisch abzuklären.
Datum: 27.10.2026
Das Brustzentrum Zürichsee, eine Kooperation der Hirslanden Klinik Im Park und des See-Spitals, ist nach den hohen Qualitätskriterien der Krebsliga Schweiz und der Schweizerischen Gesellschaft für Senologie mit dem Qualitätslabel für Brustzentren ausgezeichnet. Als zertifiziertes Kompetenzzentrum umfasst es die Behandlung aller Brustprobleme: die Brustkrebsfrüherkennung und -vorsorge sowie die Abklärung und Therapie gut- oder bösartiger Brusterkrankungen.
An beiden Standorten des Brustzentrums Zürichsee profitieren Patientinnen und Patienten jeder Versicherungsklasse wohnortnah von der Expertise aller Spezialistinnen und Spezialisten aus den relevanten Fachgebieten beider Kliniken sowie vom diagnostischen und therapeutischen Leistungsangebot und insbesondere von der gelebten interdisziplinären Zusammenarbeit und patientenorientierten Versorgung.
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