Chronisch Lymphatische Leukaemie Titelbild
Blutkrebs
Expertenbericht

Bessere Lebens­qualität für CLL Patienten

Chronisch Lymphatische Leukaemie Experte Davide Rossi

Prof. Davide Rossi
Gruppenleiter experimentelle Hämatologie,
Institute of Oncology Research,
Stv. Leiter Hämatologie IOSI Bellinzona

CLL Patienten leben sehr lange mit ihrer Krankheit. Deswegen ist gute Lebensqualität extrem wichtig. Prof. Davide Rossi erklärt uns im Interview die chronische lympathische Leukämie und wie die Aussichten für CLL Patienten sind.

Prof.  Rossi  im  Gespräch

Prof. Rossi, was ist CLL (Chronische lymphatische Leukämie)?

Die CLL ist eine Form von Leukämie, ein Tumor der aus Lymphozyten stammt, das sind Zellen, die wir alle in unserem Körper haben. Sie sind ein wesentlicher Bestandteil unseres Immunsystems, da sie Antikörper produzieren, die uns vor Infektionen schützen. Unter normalen Bedingungen leben diese Zellen im Blut und in den Drüsen (Lymphknoten), der Milz, dem Knochenmark, einem Gewebe im Knochen und einer Art Fabrik der Blutzellen.

 

Wie bildet sich eine CLL?

CLL stammt von einer Zelle dieser Lymphozyten ab, die aus einem noch unbekannten Grund verrücktspielt und viele Tochterzellen bildet. Diese Tochterzellen verbreiten sich und dringen in die Orte ein, die von den Lymphozyten normalerweise bevölkert werden. Sie nehmen also im Blut zu und verursachen eine sogenannte Lymphozytose.

 

Wer ist betroffen und in welchem Alter?

CLL ist eine Krankheit die eher in den höheren Alterskategorien vorkommt. Bei der Diagnose liegt das mittlere Alter zwischen 65 und 70 Jahren. Sehr selten sind Erwachsene unter 40 oder 50 Jahren betroffen.

«Die Prognose für CLL Patienten ist hervorragend!»

Prof. Davide Rossi

Haben Patienten häufig andere gesundheitliche Probleme, wie z.B. Herz-Kreislauf-Probleme?

Ja, das ist sehr oft der Fall. Lässt ein Patient zum Bei­spiel einen Diabetes abklären wird dabei zufällig eine Lympho­zytose festgestellt. Die meisten Patienten weisen im Blutbild­test einen zufälligen Befund einer leichten oder mittelschwe­ren Lymphozytose auf. 80 bis 90% der Fälle werden heutzutage in einem sehr frühen Stadium der Krankheit diagnostiziert.


Wie sind die Symptome der CLL?

Bei weniger als 10% der Patienten spürt der Patient vergrößerte Drüsen im Nacken, in der Achselhöhle und im Leistenbereich. Seltener kann CLL mit Symptomen wie Fieber ohne andere Erklärung, Gewichtsverlust und anhaltendem Schweiss, insbesondere während der Nacht, und Müdigkeit durch Blutarmut auftreten.
 

Wie hoch sind Lebenserwartung und Lebensqualität von CLL-Patienten?

Die Prognose ist hervorragend, insbesondere für Pa­tienten mit einer symptomlosen Krankheit oder einem be­stimmten biologischen Profil. Wir können dieses Profil an­hand einiger Biomarker definieren, die routinemäßig getestet werden können, z.B. anhand der Genetik des Tumors. Meis­tens beeinflusst die Krankheit die Lebenserwartung nur in ei­nigen aggressiven Fällen. Das Wort Leukämie mag den Patien­ten erschrecken, aber wir müssen die Botschaft sofort relati­vieren. In ungefähr 1/3 der Fälle erkläre ich, dass die Leukämie normalerweise in einem frühen Stadium verbleibt, ohne im Laufe der Zeit zuzunehmen und ohne Komplikationen oder Symptome zu verursachen. Und bei 1/3 der Patienten wächst die Leukämie sehr langsam. Es können einige Symptome auftre­ten, die dann ein Eingreifen erfordern. In den meisten Fällen ist die Lebensqualität mit gesunden Menschen vergleichbar. Normalerweise erkläre ich, dass CLL eine Krankheit ist, die nicht in allen Fällen eine Behandlung erfordert. Beobachtung oder Überwachung mit regelmäßigen Arztbesuchen ist für die meisten Patienten der erste Ansatz.

Chronisch Lymphatische Leukaemie Szenebild zwei Kanufahrer

Was sind die Behandlungsmöglichkeiten für die CLL?

Es gibt eine Minderheit von Patienten, bei denen die Krankheit von Anfang an etwas aggressiver ist, sodass schon nach ein bis zwei Jahren infolge der schnellen An­sammlung von Lymphozyten eine Therapie erfor­derlich ist. Vor fünf Jahren hatten wir nur eine Che­motherapie zur Behandlung dieser Patienten. Heu­te setzen wir praktisch keine Chemotherapie mehr ein, da neu so genannte zielgerichtete Wirkstoffe zur Verfügung stehen. Sie blockieren zwei wichtige Mechanismen der Leukämie: Die sogenannten BTK-Inhibitoren blockieren die Zellvermehrung und die BCL-2-Inhibitoren verhindern das Überle­ben der Zellen. Diese Mittel haben die Therapie re­volutioniert, insbesondere in aggressiven Fällen mit schlechter Prognose.


Kann die Lebensqualität jetzt und in Zukunft verbessert werden?

Falls eine Therapie erforderlich ist, kann sie dank dieser neuen Wirkstoffe mit Pillen durch­geführt werden. Die Patienten benötigen keine In­fusionen mehr. Und dank hervorragender Sicher­heitsprofile sind die Nebenwirkungen der Pillen viel geringer als bei der Chemotherapie. Diese neu­en Therapien verbessern also die Lebensqualität im Vergleich zur Chemotherapie erheblich. Es ist ent­scheidend, die Lebensqualität sowie die körperli­chen und emotionalen Aktivitäten zu erhalten. Ich denke, dass in Zukunft immer mehr CLL-Patienten dem Überleben der Allgemeinbevölkerung entspre­chen werden.

«Bei einer kleinen Untergruppe von Patienten, die eine Therapie benötigen, haben wir jetzt eine gute und verbreiterte Therapieoption mit neuen und präzisen Wirkstoffen, die auf die Biologie und den Krankheitsmechanismus abzielen. Diese Mittel sind sehr wirksam und sicher und in ihrer Verwendung bequem, da sie als Pillen eingenommen werden.»

Prof. Davide Rossi

CLL Patienten leben sehr lange mit der Krankheit. Welche Massnahmen sind deswegen wichtig?

Während des ersten Gesprächs mit dem Patienten ist es wichtig, Zeit zu reservieren, um mit gut verständlichen Worten die Art der Krankheit und die erwarteten Aussichten sorgfältig zu erklären. Ein Plan für die Überwachung oder die Behandlung wird festgelegt. Es ist auch wichtig zu erklären, dass einige Komplikationen, welche die CLL verursachen kann, verhindert werden sollten, wie z. B. Infektionen. Infektionen treten unabhängig davon auf, ob Sie die Krankheit behandeln oder nicht, da das Immunsystem infolge der CLL schwächer ist. Ich empfehle immer, mit dem Allgemeinarzt einen Impfplan zu besprechen, z. B. gegen die Grippe und Pneumokokken-Erkrankungen, heutzutage auch gegen Corona. Der zweite wichtige Aspekt ist, dass CLL-Patienten eine leichte Zunahme anderer Krebsarten aufweisen. Daher lege ich grossen Wert auf regelmässige Krebsvorsorgeuntersuchungen. Manchmal ist es sogar wichtiger, sich um diese Aspekte zu kümmern als um die CLL selbst.

Autor: Thomas Ferber