
Covid und CLL: «Wir raten noch immer zu Schutzmassnahmen!»

Covid hat auch für Patient*innen mit einer chronisch lymphatischen Leukämie seinen Schrecken verloren. Und dennoch gelten sie noch immer als Hochrisikopatient*innen, die besonders geschützt werden müssen. Dr. Adrian Schmidt, Hämatologe am Stadtspital Triemli Zürich, erklärt uns im Interview, welche Massnahmen angezeigt sind.
Dr. Schmidt im Gespräch
Dr. Schmidt, Covid-19 ist für den Grossteil der Bevölkerung nicht mehr gefährlich. Gilt dies auch für CLL Patient*innen?
CLL Patient*innen gehören noch immer zur Hochrisikogruppe, da hat sich nichts geändert. Allerdings wissen wir heute, dass die Verläufe bei der aktuellen Omicron-Variante im allgemeinen relativ mild sind – auch bei CLL Patient*innen. Dies hat u.a. zu tun mit der Impfung vieler Patient*innen, einer bereits durchgemachten Infektion oder dem raschen Einsatz von antiviralen Medikamenten. Somit sind wir hier deutlich entspannter als noch vor 1-2 Jahren, behalten jedoch immer die Immunschwäche der CLL Betroffenen im Auge.
Was sind die Ursachen für die Immunschwäche bei CLL?
Hier spielen verschiedene Mechanismen hinein. Einerseits führt die Erkrankung selbst zu einer Störung des Immunsystems und zwar umso stärker, je fortgeschrittener die Erkrankung ist. Zweitens kommt es im Laufe der Erkrankung oft zu einer Abnahme von "gesunden", normalen B-Lymphozyten, welche Antikörper produzieren und deswegen in besonderem Masse für die Infektabwehr mit zuständig sind. Das Resultat daraus: ein Mangel an Antikörpern und damit eine verstärkte Infektneigung. Drittens kann diese Immunschwäche durch die Behandlung der CLL temporär noch verstärkt werden, und zwar durch Verminderung aller B-Zellen (durch gegen CD20 gerichtete Antikörper) und Neutrophilen (durch BCL2-Inhibitoren) sowie verminderte Aktivierung von T-Zellen (BTK-Inhibitoren). Diese Immunschwäche führt auch dazu, dass CLL Patient*innen oft weniger und manchmal gar keine Antikörper auf eine (Covid) Impfung bilden können.

Welche Schutzmassnahmen und welches Verhalten empfehlen Sie Ihren Patient*innen gegenüber COVID-19 und allgemein vor möglichen Infektionen?
Wir raten (v.a. bei Patient*innen mit fortgeschrittener Erkrankung oder unter Therapie) noch immer zu Schutzmassnahmen mit häufigem Händewaschen bzw. Desinfizieren und dem Tragen eines Mundschutzes, wenn man sich in Menschenmengen begibt. Wenn möglich sollten Menschenansammlungen gemieden werden. Geändert hat sich die Empfehlung zur passiven Immunisierung. Früher hat man bei CLL Patient*innen nach der Impfung oft die Covid-Antikörper getestet. Wenn keine oder fast keine Antikörper gemessen werden konnten, was bei nicht wenigen CLL Patient*innen der Fall war, haben wir eine passive Immunisierung angeboten. Das hat sich nun geändert. Im Moment sind die verfügbaren Antikörper-Präparate gegen die aktuell zirkulierenden Varianten nicht genügend wirksam. Im Vordergrund steht nun der rasche Therapiebeginn beim Auftreten von Symptomen. Einige unserer CLL-Patient*innen mit stark verminderter eigener Antikörperproduktion erhalten monatlich eine Antikörpertherapie, die sie vor diversen Erregern (nicht aber gegen die aktuellsten Covid-Varianten) schützen kann. Wie sich das Covid Virus entwickeln wird und welche Varianten mit welcher Aggressivität in Zukunft auftreten werden, ist nicht vorhersehbar.
Gibt es medizinische Möglichkeiten für CLL Betroffene, sich vor dem Virus zu schützen?
Ich rate meinen Patient*innen, sich sofort bei uns zu melden, wenn Symptome auftreten, die verdächtig sind auf einen Corona-Infekt. Zu einem frühen Erkrankungszeitpunkt (üblicherweise innerhalb der ersten fünf Tage) kann mit einem antiviralen Medikament der Ausbruch der Erkrankung deutlich abgemildert werden. Ich rate auch dazu, die vom Bundesamt für Gesundheit (BAG) vorgeschlagenen Impfungen zu machen (zu denen für CLL-Patienten auch die Covid- und Influenzaimpfungen gehören), auch wenn unklar ist, ob sie auf die Impfung mit einer Antikörperbildung reagieren können oder nicht.
«Die CLL als chronische Erkrankung sollte so gut wie möglich in den normalen Alltag integriert werden und keinesfalls das tägliche Leben dominieren.»
Was gilt es für nicht-Betroffene, nicht-immungeschwächte Personen zu
beachten im Umgang mit COVID-19 und vulnerablen Menschen?
Ich rate den Angehörigen, bzw. Personen aus dem engen Umfeld, sich ebenfalls gegen Covid und Influenza impfen zu lassen. Damit schützen sie nicht nur sich, sondern auch den Patienten. Treten Symptome auf, rate ich zum Abstandhalten, Maske tragen und regelmässiger Händedesinfektion. Mir ist es aber auch wichtig, meinen CLL-Patient*innenen zu vermitteln, dass man sich von der Erkrankung und dem damit verbundenen potentiell erhöhten Infektionsrisiko nicht verrückt machen lassen, sondern die empfohlenen Massnahmen mit Augenmass anwenden und ansonsten ein möglichst normales Leben führen soll. Die CLL als chronische Erkrankung sollte so gut wie möglich in den normalen Alltag integriert werden und keinesfalls das tägliche Leben dominieren.
Wie nehmen Sie allgemein die Stimmung bei Ihren Patient*innen wahr?
Für viele CLL Patient*innen war die Pandemie eine schwierige Zeit, verbunden mit Ängsten und sozialer Isolation. Ich habe auch einige ganz schwere Covid-Verläufe bei meinen Patient*innen gesehen. Nun ist die Stimmung wieder deutlich entspannter. Die Patient*innen wissen, wie sie sich verhalten müssen und dass eine Covid-Ansteckung mit den aktuell zirkulierenden Varianten in der Regel milde verläuft.
Wichtig: die Situation rund um Covid ändert sich stetig. Für aktuelle Informationen bitte das BAG sowie die behandelnde Ärztin konsultieren.
Datum: 24.04.2023
AstraZeneca ist unter anderem in der Onkologie tätig und entwickelt Impfstoffe und Immuntherapien, zu denen auch Medikamente zur Bekämpfung von Covid-19 gehören. Oberstes Ziel der gut 250 Mitarbeitenden ist es, neue Medikamente so schnell wie möglich betroffenen Patienten*innen zur Verfügung zu stellen. In der Schweiz werden über 200’000 Personen mit einem Medikament von AstraZeneca behandelt. Bis 2025 erwartet das Unternehmen die Zulassung von über 35 neuen Therapien.