Liquid Biopsy Flüssigbiopsie Darmkrebs
Darmkrebs
Forschung

Eine Biopsie per Blut­ent­nahme

Liquid Biopsy Flüssigbiopsie Darmkrebs

Dr. Saskia Hussung
Assistenzärztin,
Klinik und Poliklinik für Innere Medizin,
Unispital Zürich

Den Krankheits- und Therapieverlauf bei Darmkrebs aktuell mitverfolgen und steuern: Liquid Biopsy macht es möglich, aber nicht in allen Fällen. Ein Gespräch mit Dr. Saskia Hussung.

Dr. Hussung, man liest und hört immer von Liquid Biopsy, auch im Zusammenhang mit Darmkrebs. Was ist das?

Dr. Saskia Hussung: Auf Deutsch würde man sagen, eine Flüssigbiopsie. Es ist eine moderne, minimalinvasive Untersuchungsmethode, die in den letzten Jahren immer häufiger eingesetzt wurde. Dabei untersucht man im Blut feinste Spuren von Tumoren. Das sind beispielsweise DNA-Bestandteile eines Tumors oder einzelne Tumorzellen. Diese Information kann hilfreich sein für die Diagnostik oder beim Therapieverlauf einer Krebserkrankung, auch bei Darmkrebs.

 

Wie viel Blut wird dafür abgenommen?

Hussung: Für eine gute Analyse braucht es 20 ml Blut, also zwei Röhrchen voll. Das reicht in den meisten Fällen. Für den Patienten ist dies keine relevante Menge. Danach wird das Blut im Labor untersucht. Die Ergebnisse werden in einem Bericht zusammengefasst.

 

Wie unterscheidet sich die Liquid Biopsy grundsätzlich von einer klassischen Gewebebiopsie?

Hussung: Bei der klassischen Gewebeprobe nimmt man das Gewebe direkt aus dem Tumor, oftmals während einer Operation oder bei einem kleinen Eingriff. Der Vorteil einer Liquid Biopsy ist, dass es keinen Eingriff braucht, eine Blutentnahme genügt. Sie ist deshalb deutlich schonender und kann mehrmals wiederholt werden, wenn nötig alle zwei Wochen. Darum ist sie ideal, um den Krankheits- respektive Therapieverlauf zeitnah zu beobachten.

 

Wie sicher ist die Liquid Biopsy, verglichen mit der klassischen Gewebeprobe?

Hussung: Sie kann ähnlich genau sein, erreicht aber nicht in jedem Fall die Sicherheit einer klassischen Gewebeprobe. Manchmal findet man im Blut keine Tumorspuren. Das ist jedoch keine Entwarnung, denn es kann sein, dass der Tumor gerade keine oder nur sehr wenig DNA ins Blut abgibt.

«Mit einer regelmässigen Liquid Biopsy kann die Therapie frühzeitig überprüft und bei Bedarf angepasst werden.»

Dr. Hussung

Welche Rolle spielt Liquid Biopsy bei Darmkrebs?

Hussung: Sie kann wichtige Zusatzinformationen liefern. Zum einen lassen sich genetische Veränderungen des Tumors erkennen. Diese Informationen können helfen, eine passende Therapie zu finden. Ausserdem kann man den Verlauf der Behandlung beobachten: Nimmt die Menge der Tumor-DNA im Blut ab, deutet das oft daraufhin, dass die Therapie wirkt. Steigt sie dagegen an, kann das ein Hinweis sein, dass die Behandlung nicht ausreichend anschlägt und die Erkrankung weiter fortschreitet. Mit einer regelmässigen Liquid Biopsy kann die Therapie deshalb frühzeitig überprüft und bei Bedarf angepasst werden.

 

In welcher Phase der Erkrankung kommt die Liquid Biopsy zum Einsatz?

Hussung: Bereits in frühen Krankheitsphasen, etwa ab Stadium II. Wenn zum Beispiel nach einer Operation noch Tumor-DNA im Blut nachweisbar ist, weist dies auf ein erhöhtes Rückfallrisiko hin. Eine Liquid Biopsy kann dann helfen zu entscheiden, ob es noch eine Chemotherapie braucht oder der Patientin oder dem Patienten vielleicht eine unnötige Behandlung erspart bleiben kann.

Zum Einsatz kommt Liquid Biopsy auch dann, wenn eine Gewebebiopsie zu schwierig, zu riskant ist oder wenn deren Ergebnis unklar bleibt. Generell gilt jedoch: Die Liquid Biopsy ergänzt die klassische Diagnostik, ersetzt sie aber derzeit meist noch nicht.

 

Wird bei allen Personen mit Darmkrebs eine Liquid Biopsy gemacht?

Hussung: Routinemässig noch nicht, aber der Stellenwert nimmt zu. Es ist ein wichtiges Instrument für die personalisierte Onkologie.

Liquid Biopsy Flüssigbiopsie Darmkrebs

Die Resultate der Liquid Biopsy werden in einem Pathologie-Bericht zusammengefasst. Was sind darin die wichtigsten Informationen für Patientinnen?

Hussung: Im Bericht werden die gefundenen genetischen Veränderungen des Tumors zusammengefasst. Diese Informationen können dann für die Ärzte entscheidend sein, weil sie zeigen, welche Behandlungen wahrscheinlich gut wirken und welche eher nicht.

 

Welche genetischen Veränderungen oder Biomarker sind beim Darmkrebs besonders relevant?

Hussung: Mittlerweile kennt man mehrere solcher Biomarker in der Tumor-DNA, besonders wichtig sind KRAS, NRAS und BRAF. KRAS ist bei rund 40 Prozent der Darmtumoren verändert. NRAS ist deutlich seltener betroffen. BRAF-Veränderungen kommen bei etwa 10 Prozent vor. Diese Biomarker sind entscheidend dafür, welche Therapien sinnvoll sind und welche eher nicht eingesetzt werden.

 

Wie sollten Patienten die Ergebnisse mit ihren behandelnden Ärztinnen und Ärzten einordnen?

Hussung: Die Ergebnisse sollten immer im Gesamtkontext betrachtet werden. Eine einzelne genetische Veränderung ist für sich allein oft noch nicht eindeutig und muss im Zusammenhang mit dem Krankheitsstadium und den bereits durchgeführten Therapien beurteilt werden.

Wie kommt der Tumor ins Blut?

Wenn eine Zelle abstirbt, zerfällt sie und gibt dabei winzig kleine Stückchen an DNA ab. Diesen Prozess nennt man «DNA Shedding». Dies ist auch bei Tumorzellen der Fall. Zerfallen sie, geben sie ihre Tumor-DNA ins Blut ab. Mit der Liquid Biopsy kann diese im Blut zirkulierende Tumor-DNA (ctDNA) nachgewiesen werden.

Die Interviewpartnerin ist unabhängig. Der Sponsor hatte keinen Einfluss auf den Inhalt.

 

CH-NONO-00096

 

Journalist: Stefan Müller
Datum: 28.04.2026