Metastasierter Lungenkrebs – ein Leben im Jetzt
Die Diagnose metastasierter Lungenkrebs und eine Prognose von wenigen Monaten lösten bei Gaby Angst und Überforderung aus. Heute, fünf Jahre später, lebt sie – entgegen den anfänglichen medizinischen Vorhersagen. Sie erzählt uns, wie sie gelernt hat, mit der Ungewissheit zu leben und den Fokus auf den Alltag zu richten.
Ihre Geschichte zeigt, dass trotz einer unheilbaren Krankheit Lebensqualität, neue Perspektiven und Selbstbestimmung möglich sind.
Gabys Geschichte
Als Gaby im September 2021 die Diagnose metastasierter Lungenkrebs erhält, ist sie 49 Jahre alt. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren drei Teenager-Kindern, damals 11, 13 und 15, ausserhalb von Zürich, arbeitet als Anwältin und führt ein aktives Leben mit einer grossen Leidenschaft für Sport und Bewegung: Im Winter steht sie jedes Wochenende auf den Skiern, in den wärmeren Monaten ist sie gerne mit ihrem Bike unterwegs. «Mein Leben sah komplett anders aus als heute», so Gaby.
Alles beginnt mit einem hartnäckigen Husten. Weil die Beschwerden unspezifisch sind und Gaby nicht dem typischen Profil einer Lungenkrebspatientin entspricht, dauert es lange, bis die richtige Diagnose fällt. Nach der Biopsie hat sie ein erstes Treffen mit ihrer damaligen Onkologin, ein sehr einschneidender Moment für Gaby. Sie erinnert sich: «Ich fragte sie, ob mir noch etwas Zeit bleibe. Sie schaute auf den Boden, schüttelte den Kopf und sagte: drei bis sechs Monate.»
Gaby wird sich bewusst, was diese Frist bedeutet: Sie wird Weihnachten vielleicht nicht mehr erleben. Angst, Überforderung und Hoffnungslosigkeit überkommen sie, ihre Sorge um die Kinder ist riesengross. Sie befindet sich im Schockzustand und funktioniert nur noch: «Ich hatte das Gefühl, noch das Wichtigste regeln zu müssen.» Die Tragweite der Diagnose begreift sie erst nach und nach. Als in einem Bericht das Wort «unheilbar» steht, trifft es sie erneut hart – auch wenn ihr die Ärztin zuvor schon wenig Zeit in Aussicht gestellt hatte. «Als ich zum Palliativmediziner überwiesen wurde, war auch das ein Schock. Für mich hiess palliativ damals: nur noch Schmerzkontrolle. Ich hatte effektiv das Gefühl, das war’s jetzt.»
Neue Hoffnung und Umgang mit der Ungewissheit
Dann kommt die Wende. Nach weiteren Abklärungen beginnt Gaby eine Chemo-Immuntherapie. Die Therapie ist hart, doch nach Abschluss der Chemotherapie bemerkt sie eine Veränderung. «Der Husten war verschwunden, und ich fühlte mich besser. Ich machte kleine Wanderungen und unternahm mehr.» Die Hoffnung kehrt zurück – nicht auf Heilung, sondern auf mehr Zeit und Lebensqualität.
Gaby hat grosses Glück: Nach einem Progress wird ihr der Primärtumor operativ entfernt, und sie kann auf eine orale Therapie wechseln, die bei ihr gut anschlägt. Die folgenden Jahre verlaufen dennoch nicht geradlinig. Mittlerweile traten zehnmal neue Metastasen auf, die sich jeweils bestrahlen oder operieren liessen. Dazu kamen zahlreiche belastende Erlebnisse: allergische Reaktionen, Lungenentzündungen, epileptische Anfälle infolge einer Hirnmetastase, eine Pneumonitis, Biopsien und wiederholte Spitalaufenthalte.
Besonders belastend ist die Ungewissheit. Immer wieder gibt es Situationen, in denen plötzlich etwas in ihrem Körper nicht stimmt, wie verstärkte Kurzatmigkeit, Schmerzen oder entzündliche Reaktionen. Aufgrund ihrer Erkrankung geht in Gabys Kopf sofort eine Alarmleuchte an: Ist das der Krebs oder eine Nebenwirkung der Therapie? Dazu kommen alle drei Monate Bildgebungen zur Überwachung der Krankheit, das Warten auf Resultate bzw. im Falle eines Befundes, das Warten auf einen Plan wie’s weitergeht. Und natürlich das Wissen, dass Stabilität immer nur eine Momentaufnahme ist. Zu Beginn der Erkrankung hat sie diese Ungewissheit regelrecht gelähmt.
«Heute kann ich damit besser umgehen. Die Angst geht nicht weg. Aber es gelingt mir mittlerweile, dem Krebs weniger Raum zu geben. Zurzeit kann ich wirklich sagen: Es geht mir gut.»
Dabei helfen ihr einfache Dinge: Bewegung, Zeit mit Familie und Freunden, kleine Wanderungen mit ihrem Hund, Ausflüge in die Berge und Fahrten mit ihrem E-Bike geben ihr Kraft und lenken sie ab. Für Gaby ist genau das entscheidend: den Krebs in den Hintergrund zu rücken und den Blick auf das Leben und auf das Jetzt zu richten. «Ich weiss, dass es nicht selbstverständlich ist, wie gut es mir zurzeit geht. Daher geniesse ich den Moment umso bewusster.» Besonders dankbar ist Gaby, dass die Familie heute wieder einen fast normalen Alltag leben kann. «Meine Familie muss vieles mittragen, meine Krankheit betrifft auch sie.»
Ein Alltag mit neuen Herausforderungen
Ohne Einschränkungen geht es jedoch nicht: Die Therapie bekämpft zwar den Krebs, verursacht aber Nebenwirkungen wie Kurzatmigkeit, Erschöpfung, Gewichtsverlust, Magen-Darm-Beschwerden und schmerzhafte Nagelbettentzündungen. Letztere machen selbst kleinste Handgriffe zur Qual: «Ich kriege keine Knöpfe an einer Bluse auf, oder auch nur schon den Verschluss vom Velohelm. Und von Hand schreiben liegt wegen der Entzündungen kaum mehr drin», beschreibt Gaby ihren Alltag. «Diese Nebenwirkungen sind natürlich unbedeutend im Vergleich zu einem Fortschreiten der Krankheit, aber sie sind schon sehr mühsam.»
Es überwiegt die Dankbarkeit, dass die Therapie ihr wertvolle Lebenszeit schenkt. Vieles aus ihrem früheren Leben musste Gaby loslassen. «Ich muss mich immer wieder selbst erfinden», sagt sie, «herausfinden, was aktuell möglich ist und mir guttut».
Gaby nimmt heute bei medizinischen Entscheidungen eine aktive Rolle ein
Statt dem Vergangenen nachzutrauern, sucht sie bewusst nach neuen Aufgaben und Erfolgserlebnissen, die zu ihrer heutigen Situation passen und ihr Spass machen. Vor einem Jahr hat Gaby mit einem kleinen Pensum ein Geschichtsstudium begonnen. «Plötzlich schreibe ich Arbeiten und lerne auf Prüfungen», schmunzelt sie. Das Studium macht ihr grossen Spass und bringt neue Herausforderungen.
Vertrauen und Mitbestimmung
Mit der Zeit hat Gaby auch gelernt, bei medizinischen Entscheidungen eine aktivere Rolle einzunehmen. Während sie zu Beginn aus Überforderung stets allem zustimmte, fragt sie heute so lange nach, bis sie die nächsten Schritte versteht. Auch wenn sie ihren Ärztinnen und Ärzten vertraut, gibt ihr das Wissen zusätzliche Sicherheit.
«Letztlich geht es um mein Leben. Ich möchte aktiv mitentscheiden können», so Gaby. Anderen Betroffenen möchte sie vor allem eines mitgeben: dass ein erfülltes Leben trotz Metastasen möglich ist. «Ich lebe zwar mit Krebs. Aber es gibt noch viel mehr in meinem Leben als meine Krankheit.»
Datum: 25.10.2026