Ein erfülltes Leben trotz Gebärmutterkrebs
Sabine lebt seit vielen Jahren mit einer seltenen Form von Gebärmutterkrebs, einem endometrialen Stromasarkom. Trotz der schwierigen Diagnose hat sie es geschafft, ihr Leben aktiv zu gestalten, ihre Leidenschaften zu pflegen und den Alltag bewusst zu erleben. Ihre Geschichte zeigt, dass Lebensfreude und Normalität auch bei einer ernsthaften Erkrankung möglich sind.
Menschen stehen im Mittelpunkt von Sabines Alltag: Sie ist medizinische Masseurin, führt eine eigene Praxis und engagierte sich früher bei der Krebsliga in Bern und Solothurn. Dadurch verfügt sie über umfassendes Hintergrundwissen zum Thema Krebs, das sie heute in ihrer Arbeit mit Betroffenen einbringt. Über ihre eigene Krankheit spricht sie in ihrer Praxis jedoch nicht aktiv, um die professionelle Distanz zu wahren.
Diagnose und Krankheitsverlauf
Sabines Krankheitsgeschichte beginnt 1998. Sie ist damals sehr sportlich, spielt Volleyball auf hohem Niveau. Deshalb empfindet sie es zunächst nicht als ungewöhnlich, dass ihre Menstruation ausbleibt – ein im Leistungssport nicht ungewöhnliches Phänomen. Als sich die Regelblutung weiter verzögert, wird Sabine stutzig und geht zur Frauenärztin. Bei der Untersuchung wurde ein Polyp ausserhalb der Gebärmutter entdeckt. Dieser war über seinen Stiel mit der Gebärmutter verbunden, wobei sich im Stielbereich bösartige Tumorzellen nachweisen liessen. Es folgt die Entfernung der Gebärmutter, des Eileiters und der Eierstöcke sowie Bestrahlungen von aussen und innen. Sabine erinnert sich: «Diese Zeit war sehr einschneidend. Körperlich war ich immer sehr leistungsfähig, und plötzlich war ich stark eingeschränkt. Nach der Behandlung hatte ich Ruhe. Fünf Jahre später wurden sogar die Nachkontrollen eingestellt. In der Medizin gilt man dann als geheilt.»
Doch 2010 tritt die erste Metastase auf. Inzwischen weiss man, dass diese Krebsart, die vom Bindegewebe ausgeht, Spätmetastasen bilden kann. Eine grosse Operation im Bauchraum folgt, bei der Niere, Milz, Teile des Pankreas und des Darms entfernt werden. Ein Jahr später kommen Lungenmetastasen hinzu, die eine Chemotherapie erforderlich machen. 2022 wird erneut eine Metastase auf Sabines Lunge entdeckt und operativ entfernt. Die Rückschläge durch Metastasen sind besonders schwer: «Ich dachte, jetzt sei alles überstanden – und dann wurde ich erneut zurückgeworfen.» Mit der Zeit lernt Sabine jedoch, die Krankheit als Teil ihres Lebens anzunehmen.
«Gespräche helfen mir sehr. Ich habe Menschen um mich, mit denen ich offen reden kann»
Umgang mit der Krankheit und Kraftquellen
Die emotionale Unterstützung ist für Sabine entscheidend: «Gespräche helfen mir sehr. Ich habe Menschen um mich, mit denen ich offen reden kann», erzählt sie. Sie öffnet sich, wenn jemand echtes Interesse zeigt und findet Halt in ihrem Glauben und ihrem Netzwerk an Freunden, Freundinnen und Familie. Der Glaube spielt in Sabines Leben eine wichtige Rolle, durch die Erkrankung wurde er jedoch immer wieder erschüttert. «Warum passiert das? Was ist der Sinn dahinter?». Solche Fragen stellt sie sich häufig. Besonders in Phasen neuer Metastasen kommt sie emotional an ihre Grenzen. Dabei erlebt sie ihren Glauben nicht als etwas Starres, sondern mal sehr präsent, mal eher begleitet von Zweifeln, aber stets als ein Fundament, das sie trägt. Sport war und ist für Sabine eine weitere zentrale Kraftquelle. Volleyball als Teamsport gibt ihr nicht nur körperliche Fitness, sondern auch mentale Stärke: «Ich kann dabei abschalten, mich spüren und Grenzen ausloten. Er gibt mir auch Bestätigung und Erfolgserlebnisse, die im Alltag manchmal fehlen. Das hilft mir, stabil zu bleiben», sagt sie.
Sport ist für Sabine eine zentrale Kraftquelle.
Neue Perspektiven
Der Krebs hat Sabines Leben grundlegend verändert. Auch ihre Vorstellung von Familie: «Als die Diagnose kam, hatte ich gerade meinen Mann kennengelernt und musste ihm früh sagen, dass ich keine Kinder bekommen kann», erzählt Sabine. Zwar hatte sie selbst zuvor keinen ausgeprägten Kinderwunsch, doch mit der Beziehung wurde das Thema relevanter. Gleichzeitig stand die Frage im Raum, ob sie überhaupt gesund bleiben würde. Eigene Kinder waren nicht möglich, auch eine Adoption zerschlug sich aufgrund des Alters des Paars. Unerwartet eröffnete sich jedoch ein anderer Weg: «Wir wurden angefragt, ein Pflegekind aufzunehmen – ein zweieinhalbjähriges Mädchen. Kurz darauf kam auch ihr jüngerer Bruder zu uns», so Sabine. Das Leben als Pflegefamilie sei bereichernd, aber auch sehr herausfordernd. Sabine und ihr Mann begleiten die beiden mittlerweile jungen Erwachsenen seit vielen Jahren.
Alltagsbewältigung und Lebensfreude
Trotz allen Herausforderungen empfindet Sabine ihr Leben als erfüllend. Denn grössere Einschränkungen hat sie nicht. «Die grosse Bauchoperation war am belastendsten. Ich musste mich körperlich wieder aufbauen. Auch das Sexualleben hat sich verändert – durch die vorzeitige Menopause nach der Gebärmutterentfernung, vor allem aber durch die intravaginale Bestrahlung. Ich merke, dass mein Körper empfindlicher ist, etwa bei der Verdauung. Und ich muss gut auf meine verbleibende Niere achten», erklärt Sabine. Insgesamt fühlt sie sich aber wieder sehr fit und macht weiterhin Sport. Die Nachuntersuchungen sind unauffällig und der grössere Abstand zwischen den Kontrollen geben ihr mehr Freiheit und Ruhe im Alltag.
Bewegung, Gespräche und das Schreiben in ihrem «Seelenbuch» geben ihr – gerade zu Beginn der Erkrankung – Halt und helfen ihr, ihre Gedanken zu ordnen. Besonders wichtig ist und bleibt für Sabine die Verbindung zu anderen Menschen: «Die Gespräche und Beziehungen helfen mir, auch in schwierigen Phasen wieder Boden unter den Füssen zu bekommen und weiterzugehen.»
Auszug aus dem «Seelenbuch»
Ein Jahr nach der Entfernung der Gebärmutter:
Die Gefahr von Verklebungen sei jetzt vorbei, sagt man.
Die noch gestörte Verdauung werde sich bald erholen, sagt man.
Ableger seien nicht anzunehmen, sagt man.
Es gebe ja noch andere Möglichkeiten, Kinder zu bekommen, sagt man.
Ich hätte diese Situation so gut gemeistert, sagt man.
Eine schwere Krankheit könne auch eine Gnade sein, sagt man.
Ich sei immer noch ich, sagt man.
Sagt man.
Datum: 20.04.2026