Paarbeziehung-als-Kraftquelle-bei-einer-Krebserkrankung
Für alle
Expertenbericht

Gemein­sam durch Dick und Dünn. Die Paar­­beziehung als Kraft­quelle bei einer Krebs­er­kran­kung.

Professor Guy Bodenmann

Prof. Dr. Guy Bodenmann
Professor für Klinische Psychologie
Universität Zürich

Eine Krebserkrankung stellt nicht selten eine Zerreissprobe für die Beziehung dar. Wer die eige­nen Paar-Ressourcen zu stärken und nutzen weiss und die Herausforderung gemeinsam angeht, kann das schwere Schicksal besser bewältigen.

Prof. Bodenmann im Gespräch

Prof. Bodenmann, gibt es überhaupt Partnerschaften, die durch eine Krebserkrankung nicht negativ beein­flusst werden?
Das ist schwer vorstellbar. Eine Krebsdiagnose erschüttert nicht nur die be­troffene Person, sondern die Paarbeziehung insgesamt. Es ist für beide Partnerinnen* eine bestürzende Neuigkeit, welche das Leben bei­der zu einer Neuorientierung zwingt. Die ge­wohnte Routine und die bisherige Lebensfüh­rung werden in Frage gestellt. Es sind hohe Anpassungsleistungen gefordert, die einem auf einmal aufgezwungen werden. Somit ist immer ein negativer Effekt zu erwarten. Die­ser kann sich für das Paar jedoch als positiv er­weisen, wenn es den Partnerinnen gelingt, durch die Erkrankung zusammenzuwach­sen, gemeinsame Stärken wieder zu entde­cken und die Krise als Chance zu nutzen.

*Aus Gründen der einfacheren Lesbarkeit sind alle Bezeichnungen nur in der weiblichen Form angegeben. Selbstverständlich sind aber alle Geschlechter gleichermaßen angesprochen.


Was sind die grössten Stressfaktoren für eine Beziehung bei einer Krebserkrankung?
Die Erkrankung selbst bedeu­tet enormen Stress für das Paar. Die Diagnose ist niederschmetternd, kommt oft aus heite­ren Himmel. Sie verändert das persönliche, familiäre, soziale und berufliche Leben. Alles muss neu geordnet werden. Die Diagnose geht entsprechend häufig mit Angst und Un­sicherheit, Erschütterung, depressiver Ver­stimmung und Hilflosigkeit einher. Und zwar bei beiden Partnerinnen gleichermassen, wie Studien zeigen. Zu wissen, dass der Mensch, den man liebt, schwer krank ist, belastet schwerwiegend. Man sorgt sich, hat Zukunftsängste und hadert mit dem Schicksal. Hinzu kommt die Belastung durch die Behandlung, die Befürchtun­gen bezüglich Verlauf und Ausgang der Erkrankung, der Stress im Alltag, den man nun alleine bewältigen muss und der sich zum krankheitsbedingten Stress dazu addiert.

 

 

Gemeinsam auf dem Steg

Was wird von der gesunden Partnerin erwartet?
Von der gesunden Partnerin erwartet man vor allem Unterstützung. Sie soll dem Erkrankten zur Seite stehen, ihn psychisch beistehen, ihn aufmuntern, durch die schwere Zeit tra­gen. Dabei vergisst man häufig, dass es auch der Partnerin in diesen Situatio­nen schlecht geht, dass auch sie selbst Unterstützung benötigen würde. Diese Sicht vom «Kranken» und «Gesunden» entspricht nicht der gelebten Realität. Beide leiden unter der Erkrankung, für beide bedeutet es eine äussert schwie­rige Zeit, beide sind in hohem Masse gefordert.


Welche Auswirkungen können solche Erwartungen haben?
Sie sind in den meisten Fällen überfordernd und werden den Vorstellungen der Partnerin nicht ge­recht. Es ist eine Mammutaufgabe, die Kraft und Energie aufzubringen, nun al­les alleine zu tragen. Hier sollten realisti­sche Erwartungen geäussert und der gesunden Partnerin gezeigt werden, dass man auch ihre Lage versteht, dass man auch ihre Not wahrnimmt.

Was wird im Gegenzug von der er­krankten Partnerin erwartet?
Von ihr wird meist er­wartet, dass sie sich kämpferisch der Krankheit stellt und sich nicht unter­kriegen lässt. SIe soll stark und zuver­sichtlich sein. Doch auch diese Erwar­tung ist zu hoch gegriffen. Der Ein­schnitt ins bisherige Leben ist gross. Es gilt, die Patientin behutsam zu beglei­ten, ihr Perspektive und Mut zu geben, ihr bei der Bewältigung der diversen Gefühle zu helfen. Die eigene Angst und Niedergeschlagenheit, die Sorgen um die Kinder, den Partner, aber auch Schuld­ge­fühle gegenüber diesem, der nun mehr zu tragen hat. Es geht darum, die Paar-Ressourcen zu stärken, dem Paar Mög­lichkeiten des gemeinsamen Kampfes gegen die Erkrankung aufzuzeigen. Denn beide haben auch weiterhin Res­sourcen. Man sollte sich gemeinsam der Herausforderung stellen.

Gemeinsam auf dem Steg Teil zwei

Gibt es einen Erfahrungswert, wie die Erkrankung als Paar am bes­ten angegangen werden sollte?
Eine dänische Studie gibt hierzu spannend Auskunft. Sie zeigt, dass die Unterstützung der Part­nerin und die Möglichkeit der Patientin, dem anderen Aufgaben zu delegieren sowohl für das Befinden wie auch die Partnerschaftszufriedenheit beider un­günstig ist. Am besten erwies sich die gemeinsame Bewältigung, sowohl auf der praktischen als auch auf der emotio­nalen Ebene. Es gilt, die beiden Part­nerinnen in ihre Kraft als Paar zu füh­ren, ihnen zu zeigen, dass sie nicht als Einzelkämpferinnen mit der Belastung fertig werden müssen, sondern dass sie zu­sammenstehen, die Erkrankung als ge­meinsame Herausforderung definie­ren und sich ihr als Paar stellen kön­nen. Das schwere Schicksal gemeinsam zu tragen, ist entlastend für beide.


Wie können beide Seiten für eine funktionierende Beziehung beitragen?
Beide Partnerinnen sind gefragt. Sie sollen sich austauschen, über ihre Ängste, Sorgen und Nöte miteinan­der sprechen, sich zuhören, gegenseitig stützen und stärken und sich ihrer Kraft als Paar bewusstwerden.

Journalistin: Catherina Bernaschina