David der Optimist
Für alle
Betroffenenbericht

Offene Kommunikation hilft Krebs zu entdramatisieren

David ist jung, gesund und strotzt nur so vor Energie. Dass eine schwere Krebserkrankung in ihm schlummerte, ahnte er nicht. Ein Zufallsbefund, die den 30-jährigen Hochschuldozenten jedoch nicht aus der Fassung brachte. «Verlieren war keine Option», sagt er und lacht.

Die Schmerzen im Arm, in der linken Schulter und im Brustkorb schob David seinem intensiven Klettertraining zu. Als sie nach ein paar Tagen schubweise und heftig wiederkehrten, als jeder Atemzug schmerzte, schickte ihn seine Partnerin zur Hausärztin. Diese hörte Davids Lunge ab, machte einen Bluttest und wurde nervös. Zwei Blutwerte waren deutlich erhöht, Verdachtsdiagnose: Lungenembolie. «Ich wurde umgehen ins Spital überwiesen und dort gleich von mehreren Ärzten in Empfang genommen», erinnert sich David. Nach mehreren Untersuchungen und einem CT konnte zumindest eine Embolie ausgeschlossen werden. Was die Ärzte jedoch auf den Aufnahmen entdeckten, war beunruhigend: ein faustgrosser Knoten hatte sich hinter dem Brustbein ausgebreitet. «Die Ärzte nannten mir zwei mögliche Szenarien: entweder würde es sich um ein Lymphom oder um einen Tumor der Thymusdrüse handeln», erzählt David. Szenarium zwei hatte laut den Ärzten die deutlich bessere Prognose. «So hoffte ich eben darauf, dass ich mit einem blauen Auge davonkomme», sagt er.

 

Glück im Unglück

 

Und tatsächlich zeigte die Biopsie, dass die Thymusdrüse gewuchert hat – 1:0 für David. Eine seltene Diagnose, normalerweise sind die Patienten 65+, David eine Ausnahme.

«Ich nahm es entspannt und dachte nur: zum Glück ist es die Thymusdrüse und nicht das Lymphsystem». 

David

Davids Gelassenheit, seinen Optimismus und seine unbändige Energie beeindruckten die Ärzte, sorgten allerdings auch Verwunderung: So wurde er immer wieder gefragt, ob er denn nicht noch Fragen hätte oder psychologische Hilfe in Anspruch nehmen möchte. «Ich fühlte mich bei den Ärzten extrem gut aufgehoben, wurde auf Augenhöhe behandelt und war mir sicher, dass alles gut kommen wird», so David. Für sein Umfeld war die Unsicherheit deutlich schwieriger zu ertragen. Um ihnen die Angst zu nehmen, um transparent zu sein und sie davon abzuhalten Dr. Google zu befragen, entschloss sich David von Beginn weg, offen zu Kommunizieren. Bei seiner Familie, bei Freunden aber auch bei seinem Arbeitgeber und seinen Studenten.

 

«Ich möchte aufklären, dass Krebs kein Todesurteil bedeutet»

 

Ein Weg, den er konsequent durchzog, mit dem er für Offenheit und Klarheit sorgte und mit dem die Entstehung von Gerüchten gar keine Chance hatte. «Ich bin ‘per se’ sehr offen und teile meine Gedanken gerne mit meinem Umfeld. Die offene Kommunikation hilft und nimmt den Druck nicht fragen oder weitererzählen zu dürfen. Es hilft auch, um Anteil zu nehmen», so der Hochschuldozent.

David im Wald

David bei unserem Treffen

Zugleich ist die offene Kommunikation auch sein Beitrag, um aufzuklären und Vorurteile abzubauen; denn noch immer herrscht die Analogie, dass Krebs gleich einem Todesurteil ist. «Ich habe die Betroffenheit in den Gesichtern gesehen, einige Studenten wussten gar nicht, was sie sagen sollen. Ich möchte zeigen, dass es die andere Seite gibt». Die andere Seite, das heisst: über die Hälfte der Krebserkrankungen können heute geheilt werden, ein weiterer grosser Teil kann in einen chronischen Zustand, meist über viele Jahre, gebracht werden.

David musste in der Folge operiert, sein gesamter Brustkorb geöffnet und die faustgrosse Thymusdrüse entfernt werden. Die Anteilnahme von Davids Umfeld war dabei riesig, nach der Operation hatte er über 140 WhatsApp Nachrichten mit Genesungswünschen. «Ich habe daraufhin einen Status erstellt mit der Mitteilung, dass es mir gut geht. Die Anteilnahme hat mich aber sicherlich in meinem Genesungsprozess unterstützt», resümiert David. Denn, nach der Operation war er erstaunlich schnell wieder fit. Eine Woche später durfte er bereits nach Hause. Es folgte ein Monat Bestrahlung und vier kurze Wochen Pause zu Hause. Danach stand er bereits wieder vor seinen Studenten. Einziger Wehrmutstropfen: Ob die Operation und die anschliessende Bestrahlung tatsächlich erfolgreich waren, sieht man erst nach einigen Monaten.

«Ich möchte nicht das Bild vermitteln, dass es easy ist»

David

David zu fragen wie es ihm aktuell geht, braucht man eigentlich nicht. Man sieht es. Er sprüht nur so vor Energie und zieht einem mit seiner Power und Kommunikationsfreude sofort in seinen Bann.

Und doch betont er auch, dass er nicht das Bild vermitteln möchte, dass eine Krebsdiagnose und der damit verbundene Weg «easy» seien. «Das ist es nicht. Aber ich hatte ein riesiges Glück. Ich hatte nie Tiefs, ich habe kein einziges Mal gegoogelt und mich einfach auf die Ärzte verlassen.» Und das Glück stand auch vor kurzem auf seiner Seite, als das alles entscheidende CT gemacht wurde: Der Tumor konnte vollständig entfernt werden, Davids Prognose könnte besser nicht sein.

Davids Tipps für Betroffene

  • Eine offene Kommunikation mit dem Umfeld hilft und verschafft Erleichterung auf beiden Seiten.
  • Sich Gedanklich nicht zu sehr in der Zukunft und im «was wäre wenn» verlieren.
  • Nicht googeln! Und wenn, dann die richtigen Informationen filtern
  • Angebote nutzen: Gleich nach der Diagnose rief mich die psychologische Betreuung des Spitals an und hat mir ein Gespräch angeboten. Darüber zu sprechen, egal mit wem, hilft.
  • Je mehr man darüber redet, desto weniger dramatisch ist es. Unausgesprochenes belastet.
  • Denn: fast jeder kennt jemanden mit Krebs. Und trotzdem ist es noch immer ein Tabu.
  • Sich selber immer wieder ermuntern: «Du wirst das schaffen!»

 

Bei Gesprächsbedarf oder für Nachfragen hat sich David grosszügigerweise zur Verfügung gestellt. Um mit David in Kontakt zu treten, schreibe uns auf: info@lebenmitkrebs.ch und wir verbinden euch. 

Anna Birkenmeier