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Hautkrebs
Expertenbericht

Kutanes Platten­epithel­karzinom - der unterschätzte weisse Hautkrebs

Kutanes Plattenepithelkarzinom Experte Dr. med. Nikolaus Wagner

Dr. med. Nikolaus Wagner
Oberarzt Klinik für Dermatologie,
Venerologie und Allergologie
Kantonsspital St. Gallen KSSG

Das kutane Plattenepithelkarzinom ist eine Form des weissen Hautkrebses und lässt sich in der Regel gut durch eine frühzeitige Operation behandeln. In seltenen Fällen kann es jedoch ein besonders aggressives Wachstum aufweisen und metastasieren.

Dr. Nikolaus Wagner, Dermatologe mit Schwerpunkt Dermato­-Onkologie am Kantonsspital St. Gallen, erklärt im Interview, auf welche Warnzeichen man achten sollte.


Dr.  Wagner  im  Gespräch


Ihr Patient hat ein besonders aggressives Plattenepithelkarzinom. Weshalb blieb dieses solange unentdeckt?

Der exakte Krankheitsverlauf ist für mich auch nach Studium der Zuweisungsdokumente nicht vollständig nachvollziehbar, da wir den Patienten erstmals am Kantonsspital gesehen haben, nachdem bereits neurologische Auffälligkeiten aufgetreten waren. Der Patient hat ein bösartiges Plattenepithelkarzinom, das höchstwahrscheinlich von der Schläfe ausging. Es ist möglicherweise entlang kleiner Nervenäste des Gesichtsnervs in die hintere Augenhöhle und weiter entlang des Sehnervs bis zu den zentralen Blutgefässen in die Schädelhöhle eingewachsen. Entlang dieser Nerven kann der Tumor relativ schnell und initial möglicherweise unbemerkt weite Strecken zurücklegen. Es gibt Fälle, in denen sich das Tumorwachstum nicht wie sonst üblich als kugeliger Tumor manifestiert, sondern es entlang der Nervenscheiden zu einem ungewöhnlichen Wachstum in Richtung innerer Strukturen kommt. Der Patient erlitt dadurch eine Taubheit der rechten Gesichtshälfte und den Verlust der Sehkraft auf dem rechten Auge. Dass sich der weisse Hautkrebs so aggressiv verhält, ist allerdings zum Glück relativ selten.

 

Der Patient wird derzeit mit einer neuartigen Therapie behandelt. Wie beurteilen Sie den Therapieverlauf?

Der Therapieverlauf kann ohne zu übertreiben als sehr erfreulich bezeichnet werden. Der Tumor konnte innerhalb weniger Wochen deutlich zurückgedrängt werden und in der Bildgebung mittels Magnetresonanztomographie (MRT) war bereits nach einem halben Jahr kein eindeutig vitales Tumorgewebe mehr ersichtlich. Die Folgeschäden, welche der Tumor an Ästen des Gesichts­ sowie am Sehnerv hinterlassen hat, können allerdings nicht wieder hergestellt werden.


 

«Das Plattenepithelkarzinom zeigt sich typischerweise als rötlicher Knoten, der manchmal verkrustet aussieht, oder aber als Geschwür oder nicht heilende Wunde erscheint und auch spontan bluten kann.»

Dr. Nikolaus Wagner

Entgegen der Namensgebung ist weisser Hautkrebs nicht weiss, sondern rötlich. Welche Auffälligkeiten zeigen sich sonst noch?

Das Plattenepithelkarzinom zeigt sich typischerweise als rötlicher Knoten, der manchmal verkrustet aussieht, oder aber als Geschwür oder nicht heilende Wunde erscheint und auch spontan bluten kann. Erst in einem fortgeschrittenen Stadium kann der weisse Hautkrebs auch Schmerzen verursachen. Im Gegensatz zum Basalzellkarzinom, bei dem eine Metastasierung, wenn überhaupt nur in seltenen Einzelfällen auftritt, kann das Plattenepithelkarzinom bei Vorliegen von Risikofaktoren metastasieren.

 

Welche Behandlungsoptionen gibt es hier?

Grundsätzlich wird der Tu­mor operativ entfernt. Bei einem fortgeschrittenen Plattenepithelkarzinom kann es allerdings sein, dass der Tumor inoperabel wird, so wie bei unserem Patienten. Hier kommt dann entweder die Strahlentherapie oder, wenn auch diese nicht in Frage kommt, systemische Therapien zum Einsatz.

Wie entsteht weisser Hautkrebs und wer ist besonders gefährdet daran zu erkranken?

UV­-Strahlung, insbesondere bei langjähriger Sonnenexposition, kann zu zahlreichen DNA­-Schäden in den Hautzellen (Keratinozyten) führen und damit letztlich eine Tumorentstehung zur Folge haben. Eine typische Lokalisation ist denn auch, wie bei unserem Patienten, die Kopf­ und Gesichtshaut, ebenso sind die Ohren und Handrücken, oder manchmal die Schienbeine, häufig betroffen. Besonders gefährdet sind Personen, die einen Aussenberuf ausüben und ständig der Sonne ausgesetzt sind. Ebenso haben organtransplantierte Personen durch die langjährige Medikation, die zur Reduktion des Abstossungsrisikos eingenommen wird, ein erhöhtes Risiko für weissen Hautkrebs.

 

Mit welchen Herausforderungen werden Sie in ihrem beruflichen Alltag konfrontiert?

Eine grosse Herausforderung ist es, manche Patienten zu motivieren, sich überhaupt behandeln zu lassen. Noch immer herrscht vielfach das Bild, dass Krebs einem Todesurteil gleich­komme und eine Behandlung nur belas­tend und wirkungslos sei.

«Dank neuen Behandlungsmöglichkeiten sind die Er­folge jedoch grösser und die Nebenwir­kungen kleiner, was oft eine gute Le­bensqualität erlaubt.»

Dr. Nikolaus Wagner

Der weisse Haut­krebs wird von vielen vor allem betagte­ren Patienten solange unterschätzt und negiert bis es zu grossen, nässenden, blu­tenden oder schmerzhaften Geschwü­ren kommt. Nicht selten bemerke ich auch grosse Skepsis gegenüber der Schul­medizin. Manche Patienten lassen sich lieber auf eine Therapie beim Komple­mentärmediziner oder Heilpraktiker ein, weil ihnen das Vertrauen in die wis­senschaftliche, evidenzbasierte Medizin fehlt. Für uns Dermato-Onkologen sind das sehr schwierige Fälle, da sich mit ei­ner rechtzeitigen Behandlung durch den Chirurgen die meisten Komplikationen und schwerwiegenden Verläufe relativ einfach vermeiden liessen. Es ist daher wichtig, Betroffene über die Möglichkei­ten und auch Neuerungen der evidenz­basierten Medizin aufzuklären und das Vertrauen in diese zu stärken. Denn es hat sich in den vergangenen Jahrzehnten vieles zum Besseren entwickelt. Der me­dizinische Fortschritt ermöglicht es uns heute, Tumorerkrankungen erfolgreich und mit weniger Nebenwirkungen zu be­handeln. Noch vor wenigen Jahren wäre dies so nicht möglich gewesen.

 

Info

Die häufigsten Formen des weissen Hautkrebses sind das Basaliom und das Plattenepithelkarzinom. Gemäss Schätzungen erkranken in der Schweiz jährlich zwischen 3500 und 5500 Menschen neu an einem Plattenepithelkarzinom, Männer sind häufiger betroffen als Frauen. Das Durchschnittsalter der Erkrankten liegt bei 70 Jahren.

Journalistin: Anna Birkenmeier