Multiples Myelom Titelbild Sonnenaufgang am See
Blutkrebs
Expertenbericht

T-Zellen gegen das Mul­tiple Myelom

Multiples Myelom Experte Professor Jakob Passweg

Prof. Dr. med. Jakob R. Passweg
Chefarzt Klinik für Hämatologie
Universitätsspital Basel

Das Multiple Myelom (MM) ist ein chronisch wiederkehrendes Leiden. Es ist in vielen Fällen nicht heilbar. Doch die modernen Be­handlungen sind heute bedeutend besser verträglich und erlauben teils viele Jahre von krankheitsfreien Perioden.

Prof.  Passweg  im  Gespräch

Prof. Passweg, was ist ein Multiples Myelom (MM)?

Es handelt sich um ein Krebs­leiden des blutbildenden Kno­chenmarkes, genauer, ein Blutkrebs der B-Lymphozyten, Zellen des lymphati­schen Systems. B-Lymphozyten durch­laufen von der Stammzelle bis hin zur reifen B-Zelle, der Plasmazelle, mehrere Reifestadien. Die Plasmazelle produziert im Dienst der Immunabwehr Antikör­per. Auf jeder Reifungsstufe kann die Zelle krebsig entarten. Dies führt zu unterschiedlichen Leukämie- und Lym­phom-Arten. Entartet die Endform, dann liegt ein Plasmazellmyelom – auch Multiples Myelom genannt – vor.

 

Welche Symptome treten auf?

Die Zellen verdrängen we­gen ihres Wachstums im Knochenmark die normal funktionierenden Blutzel­len. Sie bilden mit zerstörerischer Kraft Löcher im Knochen und produzieren ab­norme Eiweisse. Je nach Ausprägung der daraus resultierenden Folgen sind un­terschiedliche Symptome möglich: Es kann eine Blutarmut mit Mangel an ro­ten und weissen Blutzellen sowie Blut­plättchen auftreten. Die Symptome sind Müdigkeit, rasche Erschöpfung sowie Infektionen und erhöhte Blutungsnei­gung. Die Löcher in den Knochen be­günstigen spontane Frakturen sowie häufig Knochenschmerzen. Typisch sind länger dauernde Rückenschmer­zen, welche auf die üblichen hausärztli­chen Therapien nicht ansprechen. Zu­dem wird Kalzium aus dem Knochen freigesetzt, was den Kalziumgehalt im Blut erhöht (Hyperkalzämie). Daraus re­sultieren grosse Müdigkeit und ein Er­schöpfungsgefühl. Bewegungsverlang­samungen sowie Wahnvorstellungen können ebenfalls auftreten. Die Produk­tion abnormer Eiweisse können den Körper überschwemmen und zu Durch­blutungsstörungen führen. Teile dieser Eiweisse können die Nieren verstopfen. Dadurch können die Nieren versagen. Schliesslich können die abnormen Ei­weisse sich zu sogenanntem Amyloid verklumpen. Sie lagern sich in verschie­denen Organen ab und stören damit die Arbeit dieser Organe.

Multiples Myelom Szenebild Kanufahrer auf See

Wie unterscheidet sich das Multiple Myelom von einer Leukämie?

Unreife B-Zellen führen bei einer krebsigen Entartung zu einer aku­ten lymphatischen Leukämie. Entartet die Zelle erst am Schluss des Reifungs­prozesses als Plasmazelle, dann liegt ein Multiples Myelom vor. Es sind wohl verwandte Erkrankungen. Die akute Leukämie ist sozusagen die «Kinder­krankheit» im Reifeprozess der B-Zelle und das Multiple Myelom die «Alters­krankheit», weil sie die letzte Reifungs­stufe der B-Zelle betrifft. Akute lympha­tische Leukämien treten oft bei Kin­dern auf, Multiple Myelome nie. Diese zeigen sich erst ab etwa dem dreissigs­ten Lebensjahr.

 

Was sind Ursachen und Risikofaktoren?

Es gibt keine gut bekann­ten Risikofaktoren. Es gibt auch keine dafür besonders disponierten Perso­nen. Die Erkrankung ist relativ selten mit schweizweit rund 300–400 Neuer­krankungen pro Jahr. Häufig gibt es Vor­stufen bei 1 Prozent der 70-Jährigen und bis 3 Prozent der 80-Jährigen. Die Um­wandlung zum Multiplen Myelom be­trägt dann etwa 1 Prozent pro Jahr.

«Die Lebenserwartung von MM Patienten konnte in den letzten 15 Jahren verdoppelt werden.» 

Prof. Jakob Passweg

Ist das Multiple Myelom vererbbar?

Das Leiden ist nicht vererb­bar, doch gibt es selten Familien, in de­nen es unerklärlicherweise gehäuft auftritt.  

 

Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es?

In den Frühstadien sowie Vorstufen, wenn keine Symptome auftre­ten, ist keine Therapie erforderlich. Hier soll nur beobachtet werden. Kommt es zu typischen Symptomen, CRAB lautet das Stichwort, dann muss behandelt werden: C steht für Hyperkalzämie. R bedeutet eingeschränkte Nierentätigkeit. A steht für Anämie, das heisst Blutarmut. Auch bei B für «Bone Lesions» – Knochenschä­digungen – muss behandelt werden.
Es gibt viele Behandlungsformen wie Chemotherapien, Knochenmark­stamm­­zell-Transplantationen, Hemmer der Pro­teosomen, Imide, Antikörper sowie wei­tere Therapieformen.
Das Leiden ist nicht heilbar und kann chronisch immer wieder aufflammen. Allerdings lag die Lebenserwartung vor 15 Jahren nach der Erstdiagnose bei etwa 36–42 Monaten. Mittlerweile wurde diese Zeit quasi verdoppelt. Die moderneren The­rapien haben das Leiden besser be­handelbar gemacht. Mit der Stammzel­lentransplantation sind selten Heilungen möglich. Mit den modernen und bedeu­tend verträglicheren Therapien werden auch krankheitsfreie Perioden von meh­reren Jahren beobachtet.


Wie sieht die Zukunft der Therapie aus?


Derzeit wird an Behandlun­gen mit körpereigenen Abwehrzellen, sogenannte T-Zellen geforscht, die ge­gen das Multiple Myelom umprogram­miert werden (CAR-T Zellen). Ein weite­res Feld sind «Bispezifische Antikör­per», die Abwehrzellen in die Nähe der Myelomzellen bringen sollen.  Andere Antikörper werden mit einem «Zellgift» beladen, das in das Multiple Myelom ge­bracht wird und es zum Abstreben brin­gen soll.

 

Infografik zum Multiplen Myelom

Multiples Myelom Infografik

Infografik erklärt:

Das Multiple Myelom ist ein seltener Blutkrebs des blutbildenden Knochen­markes, wobei die Endform der Plasmazelle entartet.

Diese Plasmazellen ver­mehren sich unkontrolliert und produ­zieren oftmals funktionsloses Protein. Die Zellen verdrängen wegen ihres Wachstums im Knochenmark die normal funktionierenden Blutzellen und zerstören auch den Kno­chen selbst.

Journalist: Thomas Ferber