Nierenzellkrebs: Erfolgreich durch die Therapie trotz Nebenwirkungen
Beim Nierenzellkarzinom kommen heute oft Kombinationstherapien zum Einsatz, die wirksam, aber häufig mit Nebenwirkungen verbunden sind. Wie diese behandelt werden, warum eine offene Kommunikation mit der Ärztin oder dem Arzt entscheidend ist, und warum es sich lohnt, trotz Belastungen fit zu bleiben, klären wir mit Dr. Berna Özdemir.
Dr. Özdemir, welche Therapien kommen beim Nierenzellkarzinom heute häufig zum Einsatz?
PD Dr. Özdemir: Das Nierenzellkarzinom ist eine der wenigen Krebsformen, bei der keine Chemotherapie eingesetzt wird. Im Zentrum der Behandlung steht heute die Immuntherapie per Infusion, die das Immunsystem gegen den Tumor aktiviert. Diese wird entweder als Kombination zweier Immuntherapie-Präparate verabreicht oder zusammen mit einer zielgerichteten Therapie in Tablettenform, die gezielt in das Wachstum der Krebszellen eingreift. Bei wenig aggressiven Formen kann auch eine zielgerichtete Therapie allein oder eine aktive Überwachung ausreichend sein.
Diese Therapien sind sehr wirksam, aber auch belastend. Warum treten Nebenwirkungen so häufig auf?
Özdemir: Bei der Immuntherapie erhalten alle Betroffenen eine fixe Dosis. Denn bisher gibt es keine verlässlichen Marker, die vor Therapiebeginn vorhersagen könnten, wie stark die Immunantwort ausfallen wird. Bei manchen Patientinnen und Patienten reagiert das Immunsystem sehr stark: Es greift den Tumor an, kann dabei aber auch gesundes Gewebe attackieren und so Autoimmunreaktionen auslösen. Da bei der Kombinationstherapie zusätzlich eine zielgerichtete Therapie in Tablettenform dazukommt, können Nebenwirkungen aus beiden Therapieformen gleichzeitig auftreten.
Wie äussern sich diese Nebenwirkungen?
Özdemir: Bei der Immuntherapie sind es häufig Durchfall, erhöhte Leberwerte, Hautausschläge, Juckreiz oder Schilddrüsenunterfunktion, die eine lebenslange Hormoneinnahme erforderlich machen kann. Durch die zielgerichtete Therapie kann ebenfalls Durchfall auftreten, dazu Bluthochdruck, Appetitlosigkeit, Heiserkeit oder das Hand-Fuss-Syndrom mit Rötungen an Händen und Füssen. Manche Betroffene bemerken auch, dass ihre Haare weiss werden.
Was kann heute getan werden, um diese Nebenwirkungen gut zu behandeln oder zu lindern?
Özdemir: Bei starken Nebenwirkungen der Immuntherapie beruhigt Kortison das Immunsystem, manchmal werden zusätzlich Immunsuppressiva eingesetzt – beides kann aber die Wirkung gegen den Krebs abschwächen. Je nach Schweregrad wird entschieden, ob die Immuntherapie weitergeführt, pausiert oder abgebrochen wird. Bei gewissen Nierenkrebsformen ist es möglich, nur mit der zielgerichteten Therapie fortzufahren. Bei der zielgerichteten Therapie klingen die Nebenwirkungen nach einem Stopp rasch ab. Manchmal genügt auch eine kurze Pause von ein bis zwei Wochen: Die Betroffenen blühen wieder auf, gewinnen Appetit – und dann wird die Therapie wieder aufgenommen. Wichtig ist auch die Dosisfindung: Die Standarddosis wird nicht allen Betroffenen gerecht. Meine Strategie ist es deshalb, nicht mit der höchsten Dosis zu starten, sondern mit einer mittleren, die je nach Verträglichkeit angepasst wird.
Nebenwirkungen belasten nicht nur körperlich – wie wirken sie sich auf die Psyche aus?
Özdemir: Wer plötzlich weisse Haare bekommt, heiser klingt oder unter Durchfall leidet, sieht krank aus und wird darauf angesprochen, was psychisch sehr belastend sein kann. Deshalb ist es wichtig, gut informiert in die Therapie zu starten: Wer weiss, was auf einen zukommt und welchen Nutzen die Therapie bringt, kann Nebenwirkungen besser einordnen – und akzeptiert sie eher.
Wie wichtig ist es, Nebenwirkungen früh anzusprechen – auch wenn sie zunächst «harmlos» wirken? Özdemir: Sehr wichtig! Wer etwas Ungewöhnliches bemerkt, sollte sich frühzeitig melden, auch wenn es «nur» ein Hautausschlag ist. Ein gutes Vertrauensverhältnis zur Ärztin oder zum Arzt hilft dabei, auch scheinbar harmlose Symptome ohne zu zögern anzusprechen.
«Nicht aus Angst vor Nebenwirkungen zögern, sondern die Therapie starten, wenn sie nötig ist.»
Wie helfen Sie Betroffenen, die richtige Therapieentscheidung zu treffen und gut zwischen Wirksamkeit und Lebensqualität abzuwägen?
Özdemir: Eine generelle Empfehlung lässt sich hier kaum geben, denn was zählt, sind die persönlichen Prioritäten und die können sich von dem unterscheiden, was wir Fachpersonen für wichtig halten. Ich erkläre deshalb immer das Nutzen-Nebenwirkungsprofil anhand konkreter Zahlen: Wenn von 100 Personen 50 auf ein Medikament ansprechen, aber 70 schwere Nebenwirkungen bekommen – ist das dann akzeptabel? Das kann nur jede und jeder für sich selbst entscheiden. Ich unterstütze Betroffene dann in ihrem Entscheid, es gibt kein Richtig oder Falsch.
Was möchten Sie Betroffenen zum Schluss noch mitgeben?
Özdemir: Nicht aus Angst vor Nebenwirkungen zögern, sondern die Therapie starten, wenn sie nötig ist. Die Dosis lässt sich jederzeit anpassen, die Therapie pausieren oder wenn nötig abbrechen. Ausserdem tut sich beim Nierenzellkarzinom gerade sehr viel: Neue Medikamente werden getestet und Biomarker ermöglichen künftig noch gezieltere Behandlungen. Umso wichtiger ist es für Patientinnen und Patienten, möglichst lange fit zu bleiben, um von diesen Fortschritten profitieren zu können.
Datum: 20.04.2026
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