Ernst lebt mit Nierenzellkrebs
Nierenzellkrebs
Erfahrungsbericht

Trotz aller Widrig­keit den Lebens­mut behalten

Der 72-jährige Ernst lebt seit mehr als zwanzig Jahren mit Nierenzellkrebs – und hat dabei seinen Optimismus behalten.

Ernsts Geschichte

Der Landwirt hatte gerade die Entnahmefräse auf dem Hochsilo montiert und musste zur Toilette gehen. Mit Schrecken stellte er fest, dass sein Urin dunkelrot war. «Ich war schockiert», erinnert sich der heute 72-jährige Ernst an dieses Erlebnis im Juni 2007, das sein Leben komplett auf den Kopf stellen und ihn aus seinem gewohnten Bauernalltag hinauskatapultieren sollte.

Einen Alltag, der ihn und seine Familie voll beanspruchte. Der Bauernhof liegt unweit von Bern. Ein Grossbetrieb mit über 90 Hektaren, Milchwirtschaft und Ackerbau, den Ernst früher zusammen mit seinem Bruder geführt hatte. Inzwischen haben die Söhne das Ruder übernommen. Ernst hat sich telefonisch sofort bei seinem Hausarzt gemeldet, der vermutete zuerst eine Blasenentzündung. Nach zwei Stunden traten schmerzhafte Koliken auf. Und wieder rief Ernst den Hausarzt an, welcher ihn jetzt direkt in den Notfall des Berner Inselspitals schickte, zum Glück nur wenige Kilometer entfernt.

Ernst wurde noch am selben Abend von seiner Frau hingefahren. «Auf dem Weg hielt ich es fast nicht aus vor Schmerzen», erinnert sich Ernst. Wenige Stunden später wusste er weshalb, ein Ultraschallbild zeigte es:

«Ich hatte ein fortgeschrittenes Nierenzellkarzinom von mehr als fünf Zentimeter Durchmesser.»

Möglicherweise schon seit drei bis fünf Jahren, meinte der Arzt damals.

 

«Sie sind geheilt»

Ein paar Tage danach erfolgte die Operation. Eine Niere wurde entfernt. «Es war wahnsinnig heiss in diesen Sommertagen, und ich hatte rasende Schmerzen», erinnert sich Ernst noch lebhaft an die ersten Tage nach der Operation. Die Schmerzmittel halfen kaum. Dennoch hatte er Glück: Eine Woche darauf eröffnete ihm sein behandelnder Arzt: «Sie sind geheilt.» Das Karzinom hätte komplett entfernt werden können. Zu Hause in seiner vertrauten Umgebung kam Ernst rasch wieder zu Kräften. Im Herbst half er bereits bei der Kartoffelernte und beim Holzen. «Alles war wieder normal», freute sich der Landwirt.

Verhaltensänderungen waren nicht nötig, trotz nur einer Niere: Ernst rauchte nicht, trank kaum Alkohol, ass ausgewogen und nahm die täglich erforderlichen 2,5 Liter Flüssigkeit zu sich. Ein Musterpatient. Doch die Freude trübte sich zweieinhalb Jahre später. Bei einer Routinekontrolle wurden Ableger auf der Lunge gefunden, was laut Fachpersonen aussergewöhnlich war – nach so langer Zeit.

Ernst schaut auch heute noch zu seinen Kühen trotz Nierenzellkrebs

Ernst schaut auch heute noch zu seinen Kühen.

Der Kampf mit dem Krebs

Dieser Befund wirbelte Ernsts Leben erneut durcheinander. Ernst konnte an einer Studie mit zwei neuen Medikamenten teilnehmen. «Ich schickte mich da einfach hinein und war zuversichtlich», so Ernst. Die Präparate waren gut verträglich und zeigten Wirkung, sodass die Ableger kleiner wurden. Ein Jahr später streikte allerdings die Niere. Das Experiment musste abgebrochen werden. Das danach eingesetzte Standardmedikament führte zu schweren Nebenwirkungen: Hautablösungen an den Händen, brüchige Fingernägel, Wadenkrämpfe, hochempfindliche Füsse, weisse Haare und eine heisere Stimme. Daher musste Ernst ständig Handschuhe und weiche Spezialschuhe tragen. Immerhin konnte der Krebs in Schach gehalten werden.

Jahre später erzielte auch dieses Medikament nicht mehr die gewünschte Wirkung. Bestrahlungen wegen Ableger bei der Wirbelsäule und bei einer Rippe waren notwendig. Eine Immuntherapie folgte, mit wenig Erfolg. 2022 erhielt Ernst dank der stetigen Krebsforschung ein neues Medikament. Die Krebsableger schrumpften abermals. Im Februar des laufenden Jahres bestätigte eine erneute Kontrolle, dass die Therapie weiterhin gut wirkt: stabile Tumorsituation, mit kaum Nebenwirkungen. Ernst hat eine gute Lebensqualität und kann auf dem Hof mitarbeiten.

«Nicht dem nachtrauern, was man nicht hat, sondern froh sein um das, was man hat.

Ernst

Zusätzliche Belastung

Die Krebserkrankung war schon genug. Nun wurde Ernsts Geduld auch noch durch zusätzliche «Zwischenfälle» auf die Probe gestellt. Zunächst ein Unfall im Stall vor neun Jahren, ein Tritt einer Kuh zerriss ihm Bänder und Sehnen an einer Schulter, die durch eine Operation nicht vollständig geheilt werden konnte. Im selben Jahr musste das von Arthrose befallene Knie als Spätfolge eines Skiunfalls durch eine Prothese ersetzt werden. Ausserdem machten Prostata und Blase Probleme. Erst das Abschaben der Prostata im vergangenen Jahr führte zu einer Besserung.

Diese vielen Eingriffe und später noch eine schwere Lungenentzündung und Lungenembolie entkräfteten Ernst erstmals richtig: «Ich war am Rumpf.»

 

Sein Umfeld trägt und unterstützt ihn

Trotzdem hat er sich inzwischen aufgerappelt, seine alte Zuversicht wieder gefunden. Woher dieser Optimismus? «Ich bin da und kann noch leben», verrät er, und das nach zwanzig Jahren mit Krebs und vielen «Zwischenfällen». «Nicht dem nachtrauern, was man nicht hat, sondern froh sein um das, was man hat», so lautet sein Rezept. «Ich fand auch sehr gute Unterstützung durch die Fachärzte.»

Mittlerweile fühlt sich Ernst wieder recht gut bei Kräften und schwungvoller. Nicht zuletzt auch wegen seiner verständnisvollen Familie: «Ich bin hier gut behütet», sagt er. Der pensionierte Landwirt ist weiterhin auf dem Hof beschäftigt, wo er noch in vielen Bereichen gebraucht wird, etwa bei der Versorgung des Jungviehs, und dieser Arbeit nach wie vor mit Leidenschaft nachgeht.

Stefan Müller
Datum: 21.04.2026