Zelltherapie bei Blutkrebs
Blutkrebs
Therapien

T-Zellen: «Entführt und um­programmiert, gehen sie dem Krebs an den Kragen»

Prof Renner Fachexperte Klinik Hrislanden für Blutkrebs und Lymphome

Prof. Dr. med. Christoph Renner
Facharzt für Hämatologie, Allgemeine Innere Medizin und Medizinische Onkologie
Chairman des Tumorzentrum Hirslanden Zürich

Noch vor kurzem waren bestimmte Formen des Lymphoms unheilbar und Betroffene verstarben schnell nach dem ersten Rückfall. Mit der CAR-T-Zelltherapie hat sich das Blatt gewendet und vier von zehn Betroffenen können laut Prof. Dr. med. Christoph Renner mit einer Heilung rechnen.

Prof. Renner im Interview

Herr Prof. Renner, was ist die CAR-T-Zelltherapie und wie funktioniert sie?

Prof. Renner:  Bei dieser Methode werden körpereigene Zellen, sogenannte T-Zellen, entnommen. Diese Zellen haben eine vielfältige Funktion im Rahmen des Immunsystems. Sie schützen uns beispielsweise vor Viren und Bakterien. Jede T-Zelle erkennt einen bestimmten Erreger. Dies wird durch frühere Kontakte des Immunsystems mit diesem Erreger erlernt. Denn es werden sogenannte Gedächtniszellen gebildet, spezialisierte T-Zellen, die sich dann bei einer erneuten Infektion auf den bereits bekannten Erreger, beziehungsweise Bruchstücke davon,  stürzen. Diese Zellen erkennen aber auch Krebszellen und können diese zerstören. Häufig funktioniert dies nicht reibungslos, sodass mit der CAR-T-Zelltherapie nachgeholfen werden muss. Das Prinzip ist einfach: Die eingangs entnommenen T-Zellen werden sozusagen aus dem Blut gekidnappt. Dann werden sie so umprogrammiert, dass sie fortan die Tumorzellen präzise erkennen können. Nach Vervielfältigung dieser spezialisierten T-Zellen wird diese Armee schliesslich in einer Infusion dem Patienten zurückgegeben und kann ihre Arbeit verrichten.

 

Ein neuer Ansatz der Krebstherapie also?

Prof. Renner:  Genau. Diese Form der aktiven Immuntherapie unterscheidet sich fundamental von den bisherigen Therapiearten, wo mit Zytostatika unpräzise gegen schnellwachsendes Gewebe wie den Krebs vorgegangen wurde. Die Behandlung unterscheidet sich auch von den zielgerichteten Krebsbehandlungen, wo bestimmte Signalwege des Krebses blockiert werden.

Neue Therapien bei Lymphomen

Kommen wir zur Anwendung bei den Lymphomen. In welchen Fällen wird die CAR-T-Zelltherapie eingesetzt?

Prof. Renner:  Die Lymphome sind die Vorreiter beim Einsatz der CAR-T-Zelltherapie. Die Zulassung erfolgte bislang für die aggressiven B-Zell Lymphome, die Akute Lymphatische Leukämie (ALL), das Mantelzell-Lymphom sowie das follikuläre Lymphom. Es handelt sich um vornehmlich aggressive Krebsformen. Weitere Studien laufen auch für andere, langsam wachsende Krebsformen, so beispielsweise auch die indolenten Lymphome.

 

Welche Patient*innen kommen für die Therapie in Frage?

Prof. Renner: In allen Fällen erfolgt die CAR-T-Zellbehandlung nicht als Ersttherapie, sondern erst nach einem Krankheitsrückfall (Rezidiv).

 

Warum nicht sofort nach der Erstdiagnose?

Prof. Renner:  Derzeit laufen Studien, die diese Frage untersuchen. Diese werden beantworten, ob anstatt einer Chemotherapie nicht sogar die CAR-T-Zelltherapie noch besser ist als die frühe Chemotherapie.

Blutkrebs und Lymphome werden mit der CAR T Zelltherapie behandelt

Warum wird bei der CAR-T Zelltherapie ein Fokus auf Lymphome gelegt?

Prof. Renner: Es gibt viele Gründe. Einer liegt sicherlich in der Dringlichkeit von verfügbaren und wirksamen Behandlungen, wie sie bei den genannten Lymphomen benötigt werden. Die Chronische Lymphatische Leukämie (CLL) ist beispielsweise sehr häufig. Doch es gibt bereits sehr gute Therapien, sodass sich hier die CAR-T-Zellmethode nicht aufdrängt. Bei den aggressiven Lymphomen können die Betroffenen schnell versterben, sodass schnell wirksame Therapien wie die CAR-T-Zellbehandlung erforderlich sind. Somit sind momentan der aggressive Verlauf und eine fehlende wirksame Behandlung die Hauptgründe für den Einsatz der CAR-T-Zellen. Dies wird sich sicherlich über die Jahre ändern und der frühe Einsatz bei aggressiven, aber auch indolenten Lymphomen kann vielleicht die Heilungschancen bei allen Lymphomarten erhöhen. Zudem gehen wir davon aus, dass die Nebenwirkungen bei frühem Einsatz geringer sein werden.

 

Ablauf der CAR-T Zelltherapie

Wie läuft eine CAR-T-Zelltherapie ab?

Prof. Renner: Die Behandlung erfolgt in mehreren Schritten. Mit einem der Dialyse vergleichbaren Verfahren werden den Erkrankten die T-Zellen aus dem Blut entnommen. Sobald genügend Zellen gesammelt sind, werden diese einem hochspezialisierten Labor zugestellt. Nach Fertigstellung und Anlieferung des CAR-T-Zellprodukts, werden mit einer milden zytostatischen Behandlung die vorhandenen Immunzellen der betroffenen Person unterdrückt. So können sich die umprogrammierten T-Zellen nach Infusion rasch ausbreiten und werden nicht durch das noch vorhandene Immunsystem angegriffen.

Neue Therapien helfen Lymphombetroffenen

Besonders in dem Prozess sind die spezialisierten Laboratorien: Dort werden die Zellen gereinigt, genetisch umprogrammiert, vervielfältigt und schliesslich aktiviert, damit sie gegenüber dem Lymphom eine hohe Wirksamkeit erreichen. Eingefroren in einem Beutel gelangen die CAR-T-Zellen schliesslich zurück zu uns in die Klinik. Aufgetaut bekommen die Patienten ihre eigenen, vervielfältigten und scharf gemachten Zellen zurück – und bekommen die Grippe.

 

Die Grippe?

Prof. Renner: Das sind die Hauptnebenwirkungen der Behandlung, die mit den Symptomen einer schweren Grippe vergleichbar sind, beispielsweise hohes Fieber, Gliederschmerzen und starkes Krankheitsgefühl. Diese CAR-T-Zellen sind sehr aktiv, was auch bei einer Grippe zutrifft. Auch dort sind T-Zellen des Immunsystems sehr aktiv und verursachen dieselben Nebenwirkungen. Nach rund zwei Wochen sollten die Symptome abgeklungen sein.

 

Ist ein Spitalaufenthalt immer notwendig?

Prof. Renner: Bislang erfolgt die Therapie noch stationär, weil wir nicht voraussehen können, welche Patient*innen mit einer starken Grippe reagieren. Liegen mehr Erfahrungen vor, dürften die Betroffenen bald auch - wie in den USA - ambulant behandelt werden können.

zelltherapie bei Lymphomen und Krebs bildlich dargestellt

Welche Überwachungs- und Nachsorgemassnahmen sind nach einer CAR-T-Behandlung erforderlich?

Prof. Renner: Unsere Patientinnen und Patienten werden von speziell geschultem Pflegepersonal betreut und während der Behandlung mit entsprechenden Kontrollmassnahmen und Tests engmaschig überwacht. Damit können sich entwickelnde Nebenwirkungen frühzeitig erfasst und medikamentös im Keim erstickt werden. Für die Nachsorge ist es wichtig, Infektionen frühzeitig zu erkennen. Hierfür werden die Behandelten anfänglich in wöchentlichen Abständen und später in zunehmend längeren Zeitspannen regelmässig bei uns oder auch hausärztlich auf Zeichen einer Infektion untersucht.

 

Wie sieht die Wirksamkeit der Therapie aus?

Prof. Renner: Wer sechs Monate rückfallfrei lebt, hat eine sehr hohe Heilungschance. Die Heilungsrate liegt derzeit bei etwa 40 Prozent. Das ist toll und wir arbeiten daran, diese Quote noch zu verbessern.

Thomas Ferber
Datum: 19.02.2024