«Ich habe mir diese Challenge nicht ausgesucht, aber ich habe sie angenommen»
Die Haupttherapie ist vorbei, doch die Krebsbehandlung geht weiter: Bei hormonrezeptorpositivem Brustkrebs kann eine antihormonelle Behandlung über Jahre notwendig sein. Brustkrebspatientin Melanie und ihr behandelnder Arzt Prof. Günthert sprechen darüber, warum das Durchhalten schwerfallen kann, welche Nebenwirkungen besonders belasten und was im Alltag hilft.
Im Gespräch mit Melanie und Prof. Günthert
Mit 34 Jahren, mitten auf einer langen Reise, hast du völlig unerwartet die Diagnose Brustkrebs erhalten. Wie hast du diesen Moment und die erste Zeit danach erlebt?
Melanie: Meine Brustkrebsdiagnose war ein reiner Zufall. Ich war damals auf Reisen und nur für zwei Wochen in die Schweiz zurückgekehrt, um meine Wohnung an die neuen Untermieter zu übergeben. Kurz vor meiner geplanten Abreise zurück nach Südafrika spürte ich einen Knoten in meiner Brust und bekam glücklicherweise «last minute» noch einen Termin bei Prof. Günthert.
Er entnahm eine Gewebeprobe und überliess es mir, ob ich auf das Ergebnis warten oder wie geplant zurück nach Afrika fliegen wollte. Ich entschied mich für den Rückflug. Schon bald erhielt ich allerdings Nachricht, dass die Probe positiv war: Brustkrebs. Wir brachen die Reise sofort ab und kehrten in die Schweiz zurück, um unverzüglich mit der Therapie zu beginnen.
Ich wurde damit sehr unsanft aus meinem unbeschwerten Reiseleben in die Realität zurückgeholt. Mit 34 Jahren war ich plötzlich mit einer Situation konfrontiert, die ich mir so nicht hätte vorstellen können. Im Nachhinein fühlte sich das Ganze fast wie ein Film an. Ich schaltete auf Autopilot.
Dabei hatte ich grosses Glück, Herrn Günthert als Arzt zu haben. Er war sehr ehrlich, faktenbasiert und direkt und sagte mir gleich zu Beginn: «Sie werden nicht dieselbe sein wie heute, das muss aber nichts Schlechtes sein.» An diesen Satz denke ich auch heute noch oft. Für mich war damals klar: Ich muss diesen Weg jetzt durchlaufen, ein Kapitel, das ich öffne und wieder schliesse.
Was folgte, waren Chemotherapie, Operation und Bestrahlung. Anschliessend nahm ich fünf Jahre lang eine Hormontherapie, die sogenannte adjuvante Therapie.
Prof. Günthert, Sie haben Melanie damals von Anfang an auf diesen langen Weg vorbereitet. Was genau ist eine adjuvante Therapie?
Prof. Andreas Günthert: Eine adjuvante Therapie ist eine zusätzliche Behandlung nach der eigentlichen Haupttherapie, beispielsweise nach einer Operation und Chemotherapie. Der Tumor ist entfernt, trotzdem besteht ein gewisses Risiko, dass einzelne, nicht erkennbare Krebszellen zurückgeblieben sind und später einen Rückfall verursachen. Die adjuvante Therapie soll dieses Risiko senken. Bei hormonrezeptorpositivem Brustkrebs kommt deshalb eine Antihormontherapie zum Einsatz.
Melanie, wie war es für dich, über Jahre weiter eine Therapie zu nehmen, obwohl die eigentliche Krebsbehandlung längst vorbei war?
Melanie: Prof. Günthert hat mir von Anfang an erklärt, wie der ganze Behandlungsplan aussieht, welche Schritte auf mich zukommen und wie lange die einzelnen Therapien dauern würden. Ich wusste dadurch, was mich erwartet. Diese Klarheit hat mir sehr geholfen. Nach dem harten ersten Teil mit Chemotherapie, Operation und Strahlentherapie war der zweite Teil für mich dann auch etwas leichter.
Und trotzdem gab es Momente, in denen du ans Aufhören gedacht hast?
Melanie: Ja, daran gedacht habe ich schon. Aber ich wollte auf keinen Fall nochmals das ganze Prozedere mit der Chemotherapie durchlaufen, ich wollte gesund sein und bleiben. Deshalb habe ich trotz aller Anstrengung die Therapie weitergemacht.
Mit der Zeit wurden die Nebenwirkungen Schritt für Schritt weniger.
Prof. Günthert, warum fällt das Durchhalten gerade dieser Therapie vielen Patientinnen so schwer?
Günthert: Viele Patientinnen kommen mit der antihormonellen Therapie gut zurecht, vorausgesetzt, sie werden individuell betreut. Wenn es zu einem Abbruch kommt, geschieht dieser häufig bereits in der frühen Phase der Behandlung.
Ein wichtiger Grund sind die Nebenwirkungen. Manche Frauen haben zudem Mühe, den Nutzen der Therapie einzuschätzen: Sie fühlen sich gesund und fragen sich, weshalb sie weiterhin Medikamente einnehmen sollen. Andere empfinden die tägliche Einnahme als ständige Erinnerung an ihre Krebserkrankung. Umgekehrt kann die Angst vor einem Rückfall ein starker Grund sein, die Behandlung fortzusetzen.
Melanie, was hat dir geholfen, dranzubleiben?
Melanie: Die Aussicht, gesund zu bleiben, war natürlich ein wichtiger Antrieb. Prof. Günthert hat mir aber auch immer wieder aufgezeigt, welche Phasen vor mir liegen und wie lange die einzelnen Schritte dauern. Die Empfehlung war, dass ich die Therapie sicher zwei Jahre machen sollte und alles, was danach kommt, sozusagen ein Zusatz ist.
Das hat mir geholfen, die Behandlung in Phasen zu sehen und nicht das Gefühl zu haben, noch einen endlosen Weg vor mir zu haben. Dass ich die Therapie am Ende fünf Jahre durchgezogen habe, trotz einiger Nebenwirkungen, war letztlich meine Entscheidung und ein Abwägen von Fakten.
Prof. Günthert, wie wichtig ist es denn tatsächlich, die antihormonelle Therapie über die empfohlene Dauer einzunehmen?
Günthert: Bei hormonrezeptorpositivem Brustkrebs hat der Tumor die körpereigenen Hormone, insbesondere Östrogen, gewissermassen als Wachstumsantrieb genutzt. Die Antihormontherapie reduziert diesen hormonellen Anreiz und senkt dadurch das Rückfallrisiko. Gerade deshalb ist es wichtig, die Therapie über die empfohlene Dauer konsequent einzunehmen.
Und was weiss man über die Auswirkungen, wenn eine Patientin früher aufhört?
Günthert: Das wissen wir nicht mit letzter Sicherheit. Ein vorzeitiger Abbruch kann gut gehen und bei manchen Patientinnen kommt es trotz kürzerer Behandlung zu keinem Rückfall. Die Daten zeigen jedoch, dass die antihormonelle Therapie über viele Frauen hinweg einen zusätzlichen Nutzen bringt. Wer früher aufhört, schöpft diesen möglichen Nutzen nicht vollständig aus.
Wie lange die Therapie sinnvoll ist, hängt vom individuellen Rückfallrisiko und von der Lebenssituation ab. Bei jungen Frauen mit Kinderwunsch können beispielsweise auch zwei Jahre Therapie ein sinnvoller Kompromiss sein. Bei anderen Risikokonstellationen kann eine längere Behandlung vorteilhaft sein. Die häufig genannten fünf Jahre sind deshalb eine Orientierung, entscheidend ist dann die individuelle Abwägung.
Welche Nebenwirkungen bringt die antihormonelle Therapie typischerweise mit sich?
Günthert: Grundsätzlich können Beschwerden auftreten, die an die Wechseljahre erinnern, etwa Hitzewallungen, Schweissausbrüche, Schlaf- oder Stimmungsschwierigkeiten. Auch sexuelle Beschwerden wie ein Libidoverlust oder trockene Schleimhäute sind möglich.
Wie stark diese Nebenwirkungen ausfallen, ist von Frau zu Frau sehr unterschiedlich. Bei Frauen, die bereits in den Wechseljahren sind, können bestehende Beschwerden verstärkt werden. Bei jüngeren Frauen kann der durch die Therapie ausgelöste Hormonentzug dagegen besonders einschneidend sein, weil die Wechseljahre eigentlich noch nicht unmittelbar bevorstehen.
«Patientinnen sollten offen sagen, wie es ihnen geht – auch wenn es um Beschwerden geht, die ihnen unangenehm oder nebensächlich erscheinen.»
Welche Beschwerden werden Ihrer Erfahrung nach am meisten unterschätzt?
Günthert: Ich glaube, dass gerade Beschwerden im urogenitalen Bereich häufig unterschätzt oder gar nicht angesprochen werden. Dazu gehören beispielsweise Trockenheit der Scheide oder Blasenbeschwerden, aber auch Veränderungen der Sexualität und der Libido. Das Thema ist nach wie vor mit einem gewissen Tabu behaftet, dabei wäre es wichtig, offener darüber zu sprechen.
Das Bedürfnis nach Sexualität kann nach einer Krebsbehandlung ohnehin eingeschränkt sein, und wenn dann noch Beschwerden wie Scheidentrockenheit dazukommen, kann das die Lebensqualität zusätzlich beeinflussen.
Wie gut lassen sich die Beschwerden im urogenitalen Bereich behandeln?
Günthert: Oftmals sehr gut. Bei Scheidentrockenheit gehen wir schrittweise vor: Zunächst kommen hormonfreie Präparate, etwa auf Hyaluronbasis, zum Einsatz. Wenn diese nicht ausreichend helfen und der Leidensdruck gross ist, können unter bestimmten Voraussetzungen auch lokal angewendete hormonhaltige Cremes infrage kommen. Dabei muss insbesondere berücksichtigt werden, welche antihormonelle Therapie die Patientin erhält.
Bei Blasenproblemen ist beispielsweise nicht immer eindeutig, ob sie tatsächlich durch die antihormonelle Therapie verursacht werden. Eine zeitlich begrenzte Therapiepause kann helfen, dies zu klären. Gegebenenfalls lässt sich auch auf ein anderes Präparat wechseln, denn es gibt mehrere Medikamente mit ähnlicher Wirkung.
Melanie, waren Nebenwirkungen wie Scheidentrockenheit für dich Themen, über die es dir schwerfiel zu sprechen?
Melanie: Nein, eigentlich nicht. Mein Körper hat sich während der gesamten Therapie immer wieder verändert, wurde sensibler. Auch auf die Sexualität hatte die Therapie Auswirkungen. Prof. Günthert hat von Anfang an offen mit mir über mögliche Nebenwirkungen gesprochen, so auch über Scheidentrockenheit.
Mein Partner war bei den ersten Gesprächen dabei und wusste deshalb ebenfalls, was auf uns zukommen könnte. Dadurch war das Thema für uns von Anfang an kein Tabu.
Welche Nebenwirkungen waren für dich am belastendsten?
Melanie: Die einschneidendsten Nebenwirkungen waren für mich vor allem die Hitzewallungen. Dazu kamen trockene Schleimhäute und eine Veränderung des Stoffwechsels, die sich auch auf mein Gewicht ausgewirkt hat. Für mein Umfeld war das keine kritische Gewichtszunahme, aber für mich persönlich war es ungewohnt und durchaus belastend, weil ich meinen Körper so nicht kannte. Auch Brain Fog war teilweise ein Thema.
Wie haben diese Hitzewallungen deinen Alltag beeinflusst?
Melanie: Ich bin nachts teilweise bis zu 20-mal aufgewacht, weil ich völlig durchgeschwitzt war. Aber auch tagsüber waren die Hitzewallungen belastend, weil ich sie überhaupt nicht kontrollieren konnte und sie mich oft in den unpassendsten Momenten überfallen haben.
Einmal hatte ich beispielsweise ein Bewerbungsgespräch. Einerseits wollte ich mich natürlich von meiner besten Seite zeigen und einen guten Eindruck machen, andererseits musste ich versuchen, mit den Hitzewallungen zurechtzukommen und sie möglichst zu überspielen. Das war herausfordernd. Ich habe meine Krebserkrankung offen angesprochen, quasi als Teil meines Lebenslaufs, am Ende habe ich den Job bekommen.
Und was hat dir generell geholfen, mit den Nebenwirkungen umzugehen?
Melanie: Gegen die Hitzewallungen bekam ich ein natürliches Medikament, das etwas Linderung verschafft hat. Zudem habe ich bei der Kleidung und bei der Bettwäsche auf natürliche Materialien geachtet. Gegen die Trockenheit der Schleimhäute haben mir Cremes und Augentropfen geholfen.
Generell habe ich versucht, mir Gutes zu tun, zum Beispiel mit Massagen und Yoga oder indem ich mich mit positiven Menschen umgeben habe. Letztlich ist man selbst dafür verantwortlich, dass es einem gut geht. Auch bei den verschiedenen Produkten bekommt man vieles empfohlen, aber man muss für sich selbst herausfinden, was einem guttut und was für einen persönlich stimmt.
Was würdest du heute einer Frau sagen, die gerade mit der adjuvanten Therapie beginnt?
Melanie: Erfahrungen von anderen sind wertvoll, aber man muss seinen eigenen Weg finden und schauen, was für einen selbst richtig ist. Es ist ein schwieriger Weg, aber andererseits auch eine spannende Auseinandersetzung mit sich selbst: herauszufinden, was einem guttut und was nicht.
Ich habe mir von Anfang an gesagt, dass ich daraus gestärkt herauskommen werde. Und so ist es auch gekommen. Ich habe mir diese Challenge nicht ausgesucht, aber ich habe sie angenommen.
Prof. Günthert, was möchten Sie den Betroffenen abschliessend mitgeben?
Günthert: Wichtig ist, dass Themen wie Sexualität und Scheidentrockenheit in der Nachsorge aktiv angesprochen werden. Patientinnen sollten offen sagen, wie es ihnen geht – auch wenn es um Beschwerden geht, die ihnen unangenehm oder nebensächlich erscheinen.
- Dieser Beitrag wurde von Leben mit Krebs im Auftrag und auf Kosten von AstraZeneca erstellt. Die Interviewpartner sind unabhängig.
Datum: 06.10.2026
Das Ziel von AstraZeneca ist es, Krebs als Todesursache zu eliminieren. Deswegen konzentrieren wir uns auf die Forschung und Entwicklung von Medikamenten der nächsten Generation, welche das Potenzial haben, die Krebsbehandlung neu zu definieren. Wir wollen noch mehr Krebsbetroffenen Hoffnung auf eine bessere Behandlung mit Hilfe neuer Wirkstoffe geben.