Akute Myeloische Leukämie (AML) – Was sich seit Andy Hug verändert hat
Im August 2000 stirbt Kampfsport-Legende Andy Hug innerhalb von nur wenigen Wochen an akuter myeloischer Leukämie – einer Diagnose, die ihn aus heiterem Himmel trifft. 25 Jahre später hat sich vieles verändert. Prof. Marcus Schittenhelm erklärt, was die AML ist, wie sie behandelt wird und was der Fortschritt in der Forschung für Betroffene bedeutet.
Was geschah mit Andy Hug?
April 2000: Andy Hug klagt über Müdigkeit und rote Flecken am Körper – er tippt auf eine Lebensmittelvergiftung. Im Juli gewinnt er in Japan noch seinen letzten Kampf. Dann, am 17. August, erhält er in einem Tokioter Spital die Diagnose: akute myeloische Leukämie. Sieben Tage später ist er tot – 35 Jahre alt. An seine Fans hatte er noch aus dem Spital geschrieben: «Diese Krankheit ist der schwerste Gegner aller meiner Kämpfe. Aber ich werde siegen.» Es sollte nicht sein.
Im Gespräch mit Prof. Schittenhelm
Prof. Schittenhelm, was genau ist eine AML?
Prof. Schittenhelm: Die AML ist eine Form von Blutkrebs, bei der sich veränderte Zellen im Knochenmark unkontrolliert vermehren. Der Begriff «akut» deutet darauf hin, dass es sehr schnelle, aggressive Verläufe geben kann – wie bei Andy Hug.
Aber es gibt auch Fälle, die sich schleichend entwickeln und trotzdem zur AML zählen. Leukämien resultieren dabei aus Genveränderungen, welche den Verlauf und die Therapie entscheidend beeinflussen. Die AML ist deshalb kein einheitliches Krankheitsbild, sondern man unterscheidet eine Vielzahl verschiedener Formen.
Wie hat sich die Diagnostik seit Andy Hugs Zeit verändert?
Schittenhelm: Vor rund 25 Jahren steckte die Untersuchung des Genprofils eines Patienten noch in den Kinderschuhen – die Diagnostik stützte sich vor allem auf den mikroskopischen Befund sowie spezielle Färbemethoden.
Heute ist die molekulare Aufschlüsselung der Leukämie Standard: Wir können genetische Veränderungen präzise bestimmen und darauf basierend eine individualisierte Therapie planen. Das ermöglicht es uns auch, die Therapieeinleitung in bestimmten Fällen gezielt hinauszuzögern – nicht um Zeit zu verlieren, sondern um Risiken zu minimieren und die optimale Behandlung zu wählen.
Der erfolgreiche Kampfsportler Andy Hug starb vor über 25 Jahren an AML
Warum ist Andy Hug so schnell verstorben? Gibt es das heute noch?
Schittenhelm: Akute Verläufe können blitzartig aus dem Wohlbefinden heraus entstehen. Zusätzlich kann die Therapie im akuten Stadium schwere Nebenwirkungen verursachen: Wenn nach Therapieeinleitung auf einen Schlag sehr viele bösartige Zellen zerfallen, drohen Komplikationen wie Gerinnungsstörungen und Blutungen. Solch rasche Verläufe gibt es leider auch heute noch. Allerdings haben wir bessere diagnostische Mittel und mehr Möglichkeiten für eine gezieltere Therapieplanung, was die Risiken durchaus reduziert.
Wie sieht die Behandlung der AML heute aus?
Schittenhelm: Für fitte Patientinnen und Patienten bleibt die intensive Chemotherapie ein wichtiger Baustein – wie damals auch bei Andy Hug. Für ältere oder weniger fitte Personen stehen heute jedoch wirkungsvolle Alternativen zur Verfügung: sogenannte hypomethylierende Substanzen, die die Bösartigkeit der Zellen auf Genebene reduzieren, sowie gezielte Hemmstoffe, die spezifisch bei bestimmten Genveränderungen eingesetzt werden.
Diese Kombinationen ermöglichen bei vielen Betroffenen eine Erkrankungskontrolle mit besserer Verträglichkeit als die klassische Chemotherapie. Das funktioniert so gut, dass auch immer mehr jüngere und fitte Patienten für diese Therapieoption in Frage kommen. Für eine vollständige Heilung ist aber oft weiterhin eine zusätzliche Stammzelltransplantation notwendig.
«Die AML bleibt trotz aller Fortschritte eine ernste Erkrankung. Aber die medizinische Entwicklung mit fortschrittlichen Behandlungsmöglichkeiten geht klar in die richtige Richtung.»
Wie ist die Prognose für AML-Patientinnen und -Patienten heute?
Schittenhelm: Die Prognose variiert stark und wird grob in drei Gruppen unterteilt: günstig, intermediär und ungünstig. In der günstigen Gruppe sind Heilungsraten von 80% und mehr durchaus möglich. Dennoch bleibt die AML eine ernste Erkrankung – der Verlauf hängt stark von den molekularen Merkmalen der Zellen, dem Therapieansprechen und der Tiefe der Remission ab. Prognosen für den Einzelfall bleiben deshalb schwierig.
Was hat sich insgesamt am meisten verändert – was wäre heute für Andy Hug anders?
Schittenhelm: Allein in den letzten Jahren wurden über zehn neue Medikamente eingeführt. Die Diagnostik ist schneller und präziser, die Therapie kann individuell auf jede Patientin und jeden Patienten zugeschnitten werden. Hätte Andy Hug heute die gleiche Diagnose erhalten, wäre die Behandlung ehrlicherweise letztlich wohl dieselbe gewesen: Als fitter, junger Patient hätte er aufgrund des offensichtlich hochakuten Verlaufs auch heute noch eine intensive Chemotherapie erhalten.
Gegebenenfalls hätte die Therapie im weiteren Verlauf noch individuell angepasst werden können. Ob das den Verlauf verändert hätte, lässt sich nicht sagen. Die AML bleibt trotz aller Fortschritte eine ernste Erkrankung. Aber die medizinische Entwicklung mit fortschrittlichen Behandlungsmöglichkeiten geht klar in die richtige Richtung
Datum: 21.04.2026
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