bei Lungenkrebs macht man Biomarkertests
Lungenkrebs
Wissen

Biomarker­tests beim Lungen­krebs: Das War­ten auf das Ergeb­nis lohnt sich

Expertin für Lungenkrebs und Biomarker beim Lungenkrebs

Prof. Dr. med. Alessandra Curioni-Fontecedro
Chefärztin Onkologie am Hôpital fribourgeois
Professorin an der Universität Freiburg

Nach der Diagnose Lungenkrebs beginnt für viele zuerst das Warten auf Laborergebnisse, während sie am liebsten sofort mit der Behandlung starten würden. Doch genau diese Zeit lohnt sich: Biomarker, bestimmte Merkmale des Tumors, zeigen den Fachpersonen welche Therapie am besten zu einem passt.

Sie haben die Behandlung und die Überlebenszeit beim Lungenkrebs deutlich verbessert. Und weil ständig neue Biomarker hinzukommen, entstehen immer wieder neue Möglichkeiten und neue Hoffnung für Betroffene.

 

Im  Gespräch  mit Prof. Curioni-Fontecedro

 

Prof. Curioni, was ist ein Biomarker – einfach erklärt – und warum spielen Biomarker gerade beim Lungenkrebs eine so grosse Rolle?

Prof. Curioni-Fontecedro: Biomarker sind bestimmte Merkmale eines Tumors. Man kann sie sich wie Charakteristiken vorstellen – ähnlich wie die Haarfarbe oder die Augenfarbe bei einem Menschen. Bei Krebszellen helfen uns solche Merkmale zu verstehen, um welche Art von Krebs es sich handelt und welche Behandlung besonders gut passen könnte.

 

Was hat die Biomarker-Diagnostik für Betroffene konkret verändert?

Curioni-Fontecedro: Früher haben wir den Krebs vor allem nach seinem Namen und dem Aussehen der Zellen eingeteilt. Heute können wir viel präziser unterscheiden. Beim Lungenkrebs sehen wir nicht nur, ob ein Tumor kleinzellig oder nicht-kleinzellig ist, sondern auch, welche molekularen Untergruppen es innerhalb dieser Gruppen gibt.

Für die Betroffenen hat das ganz konkrete Folgen: Der Befund kann zeigen, ob eine gezielte Therapie möglich ist, ob eine Immuntherapie infrage kommt oder ob eine Kombination verschiedener Behandlungen sinnvoll ist.

Für Patientinnen und Patienten ist wichtig zu verstehen, warum man manchmal auf die Resultate warten muss: Diese Wartezeit kann entscheidend sein, um nicht irgendeine, sondern die passende Therapie zu wählen.

 

Betroffene von Lungenkrebs können hoffen

Viele Betroffene erleben genau dieses Warten als quälend – sie haben das Gefühl, es geschehe nichts, während der Krebs weiterwächst. Was sagen Sie diesen Menschen?

Curioni-Fontecedro: Ich verstehe diese Angst sehr gut, und ich nehme sie ernst. Aber ich kann beruhigen: Diese Tage sind nicht verlorene Zeit, sondern gut investierte Zeit. Wir warten nicht, weil wir zögern, sondern weil wir es richtig machen wollen. Es geht darum, nicht einfach schnell zu starten, sondern von Anfang an die Behandlung zu wählen, die wirklich zu diesem einen Menschen passt.

 

Welche Biomarker werden beim Lungenkrebs heute untersucht?

Curioni-Fontecedro: Zuerst wird die Histologie bestimmt, also wie die Krebszellen aussehen. Danach analysieren wir weitere Merkmale, beziehungsweise Biomarker. Einer der wichtigsten ist PD-L1, ein Eiweissmarker, der uns bei der Entscheidung über eine Immuntherapie hilft.

Dazu kommen verschiedene Veränderungen im Erbgut des Tumors, zum Beispiel an EGFR, ALK oder ROS1 und, aktuell stark im Fokus, an HER2. Es gibt noch einige weitere, und jede kann im besten Fall eine eigene Tür zu einer passenden Behandlung öffnen.

 

HER2 kennt man vor allem vom Brustkrebs. Welche Rolle spielt HER2 beim Lungenkrebs?

Curioni-Fontecedro: HER2 kann auch beim Lungenkrebs eine Rolle spielen. Dabei muss man zwei Dinge unterscheiden: eine Mutation und eine sogenannte Überexpression. Bei einer Mutation ist der «Bauplan» von HER2 verändert – das ist selten, kann aber therapeutisch wichtig sein, weil sich daraus Möglichkeiten für gezielte Therapien ergeben.

Bei einer Überexpression ist der Bauplan normal, aber die Krebszelle bildet zu viele HER2- Eiweisse an ihrer Oberfläche. Dann steht eher die Frage im Vordergrund, ob Medikamente wirken, die genau dort ansetzen, zum Beispiel bestimmte Antikörper oder Antikörper-Wirkstoff-Konjugate.

«Was mich immer wieder bewegt, sind die Momente, in denen ein Testergebnis plötzlich eine Tür öffnet, die vorher verschlossen schien.»

Prof. Curioni-Fontecedro

Beim Lungenkrebs bekannter ist der Biomarker PD-L1. Welche Bedeutung hat PD-L1?

Curioni-Fontecedro: PD-L1 ist einer der wichtigsten Marker, wenn wir abschätzen, ob für jemanden eine Immuntherapie infrage kommt. Er zeigt uns, wie gut der Tumor auf diesen Behandlungsweg ansprechen könnte und hilft uns so, gemeinsam mit den Betroffenen die passende Therapie zu wählen.

 

Können sich Biomarker im Verlauf der Erkrankung verändern?

Curioni-Fontecedro: Ja. Krebs kann sehr heterogen sein, das heisst: Nicht alle Tumoranteile sind gleich. Unter einer Therapie kann ein Teil des Tumors kontrolliert werden, während ein anderer Teil weiterwächst.

Deshalb empfehle ich bei einem Fortschreiten der Erkrankung, wenn möglich, eine erneute Biopsie und eine erneute Analyse. So können wir verstehen, ob neue Treiber oder Resistenzmechanismen entstanden sind, und die Behandlung entsprechend anpassen.

 

Gibt es einen Moment aus Ihrem Alltag, der zeigt, was so ein Befund für einen Menschen verändern kann?

Curioni-Fontecedro: Da gibt es viele. Was mich immer wieder bewegt, sind die Momente, in denen ein Testergebnis plötzlich eine Tür öffnet, die vorher verschlossen schien. Ich erinnere mich an Menschen, die nach der Diagnose kaum noch Hoffnung hatten und bei denen wir dann eine passende Veränderung gefunden haben, für die es eine gezielte Behandlung gibt.

Zu sehen, wie jemand danach wieder in seinen Alltag zurückfindet, wieder Pläne macht, das ist für mich einer der schönsten Teile meiner Arbeit. Es erinnert mich jedes Mal daran, warum sich dieses genaue Hinschauen lohnt.

Lungenkrebs und die Behandlung

Was ist Ihnen abschliessend besonders wichtig?

Curioni-Fontecedro: Ich möchte Betroffene ausdrücklich ermutigen, Fragen zu stellen: Welche Tests wurden gemacht? Was bedeuten die Ergebnisse für meine Behandlung? Beim Lungenkrebs entwickelt sich zur Zeit unglaublich viel, auch in klinischen Studien. Genau deshalb lohnt es sich, ein Team zu finden, das spezifische Erfahrung mit Lungenkrebs hat und Zugang zu moderner Diagnostik sowie gegebenenfalls zu Studien bietet.

Thomas Ferber
Datum: 01.10.2026