Chondrosarkom Erfahrungsbericht Schweiz
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Erfahrungsbericht

Chondro­sarkom: «Ich musste lernen, meinem Körper wieder zuzuhören»

Mit 25 Jahren steht Anastasiya mitten im Leben: Sie steht kurz vor dem Abschluss ihres Studiums und hat eine Zusage für eine neue Stelle erhalten. Dann wird bei ihr ein Hirntumor entdeckt. Was folgt, verändert ihren Alltag radikal. 

Heute lebt sie in Biel, studiert und arbeitet mit jungen Sportlerinnen und Sportlern. Die Angst vor dem nächsten MRI ist geblieben. Aber auch die Zuversicht, dass ihr Weg weitergeht.

 

«Ich dachte, das MRI ist falsch»

Anastasiya fühlt sich gesund. Sie ist 25 Jahre alt, studiert Sport und steht kurz vor dem Abschluss. Seit Jahren dreht sich ihr Leben um Bewegung: Gemeinsam mit ihren Eltern zieht Anastasiya von Kiew nach Leipzig. Dort besucht sie das Sportgymnasium und trainiert Rhythmische Sportgymnastik auf Leistungssportniveau. Nach der Matura studiert sie Sport in Chemnitz. Ihr Leben ist auf Bewegung und Leistung ausgerichtet.

Plötzlich merkt Anastasiya, dass sie auf ihrem linken Ohr schlechter hört. Sie denkt sich nicht viel dabei, geht jedoch sicherheitshalber zum HNO-Arzt, der sie zu einem MRI schickt. Dann geht alles sehr schnell. Auf den Bildern des MRI ist ein pflaumengrosser Tumor zu sehen. Die Diagnose: ein Chondrosarkom der Schädelbasis, eine seltene Form von bösartigem Knochenkrebs. «Der Arzt im Krankenhaus blickte erst auf mich, dann auf das MRI. Er meinte, er könne kaum glauben, dass ich noch stehen und sitzen kann», erzählt Anastasiya. Bei einer solchen Tumorgrösse seien Menschen normalerweise kaum noch dazu in der Lage. Anastasiya selbst versteht die Situation nicht, glaubt noch nicht so recht an Krebs. «Es war ein riesiger Schock. Ich dachte zuerst, das MRI ist falsch», erzählt sie. Schliesslich fühlt sie sich gesund. Und ein Tumor steht nicht auf Anastasiyas Plan.

Nach der Diagnose schickt ihre Ärztin sie in den Notfall, wo die junge Frau sofort operiert wird. Ein Teil des Tumors wird entfernt. Was aus dem Schädelknochen herausgewachsen ist, können die Ärzte herausschneiden; der verbleibende Teil wird anschliessend in der Uniklinik Heidelberg vier Wochen lang bestrahlt. Zunächst scheint alles gutzugehen. Anastasiya hat kaum Beschwerden, nimmt ihr Studium wieder auf und schreibt ihre Masterarbeit über Sprünge in der Rhythmischen Sportgymnastik. «Die OP und die Bestrahlung liefen ziemlich gut. Ich hatte keine Schmerzen. Damals dachte ich: So einfach kann es sein.»

 

Wenn die Krankenkasse nicht zahlt

Doch dann verschlechtert sich Anastasiyas Gleichgewicht. Ein weiteres MRI zeigt, dass sich in ihrem Kopf eine Nekrose gebildet hat: abgestorbenes Gewebe, die sich schnell ausbreitet. Anastasiya erhält erneut Medikamente und Kortison, doch beides hilft nicht. Obwohl ihre Ärzte dringend zu einer Immuntherapie raten, lehnt die Krankenkasse die Kostenübernahme ab und empfiehlt stattdessen eine nicht mögliche Operation. Während sich Anastasiyas Zustand mit Gesichtslähmung und starkem Schwindel weiter verschlechtert, kämpft sie verzweifelt um die Finanzierung der Therapie.

Schliesslich hat Anastasiya Glück: Sie findet Ärztinnen und Ärzte, welche die Immuntherapie organisieren und sogar finanzieren. «Das war meine Rettung», erzählt sie. Denn so kann die erste Nekrose gestoppt werden. Doch es bildet sich eine zweite. Ein weiterer Rückschlag. Nach acht Behandlungen kann Anastasiya nicht mehr selbstständig gehen und der fast unaushaltbare Schwindel wird für sie zu einem ständigen Begleiter. «Ich fühlte mich oftmals, als würde ich auf einem Schiff stehen.» Für eine ehrgeizige, junge Frau, die ihr Leben lang Leistungssport betrieben hat, ist dieser Zustand nur schwer auszuhalten. Sie zieht sich aus ihrem Freundeskreis zurück und kehrt wieder zu ihren Eltern zurück. «Es war eine sehr schwere Zeit für mich. Alle anderen hatten ihr Leben aufgebaut und ich konnte nicht mal mehr selbstständig auf die Toilette gehen», erzählt Anastasiya.

«Stark sein heisst für mich heute nicht mehr, alles alleine schaffen zu müssen. Wenn es mir schlecht geht, sage ich es und fordere Unterstützung ein.»

Anastasiya

Die Segel neu setzen

Ein halbes Jahr lang lebt Anastasiya zurückgezogen bei ihren Eltern. Dreimal die Woche macht sie Physiotherapie. Dann kommen plötzlich die ersten kleinen Fortschritte. Schritt für Schritt gewinnt sie ihre Beweglichkeit zurück. Eines Tages schafft sie es auf dem Weg zur Physiotherapie, 100 Meter selbstständig zu gehen. «Das war mein erster grosser Erfolg.» Auch der Schwindel wird langsam besser. Sie schöpft neue Energie und beginnt wieder daran zu glauben, dass sie ihren eigenen Weg finden kann. «Zufällig fragte mich zu dem Zeitpunkt eine Freundin, ob ich als Trainerin in einem Sportgymnastik-Verein arbeiten wolle. Ich sagte zu.»

Seither arbeitet Anastasiya wieder. Sie lebt heute in Biel, wo sie als Trainerin im Synchron-Eiskunstlauf tätig ist. Ausserdem hat sie sich dazu entschieden, nochmals ein Studium anzufangen, um Sekundarlehrerin zu werden. Die IV unterstützt sie bei dieser Umschulung. «Meine Gesundheit lässt es nicht zu, 100% zu arbeiten. Deshalb ist es mir wichtig, einen flexiblen Beruf auszuüben.»

 

Wachsen durch die Erkrankung

Die Erkrankung ist damit nicht einfach verschwunden. Einmal im Jahr steht das MRI an. «Das macht mich immer noch sehr nervös», so Anastasiya. Und auch die Spätfolgen begleiten sie. Eine Nekrose im linken Hüftknochen führte zu einem künstlichen Hüftgelenk. Sie hört auf dem linken Ohr nichts mehr, hat weiterhin Gleichgewichtsstörungen und eine gelähmte Gesichtshälfte. Müdigkeit, Schlafprobleme und Schlafapnoe gehören ebenfalls zu ihrem Alltag. Heute weiss Anastasiya jedoch, dass Fortschritt nicht geradlinig verläuft. «Ich musste lernen, meinem Körper wieder zuzuhören, musste ihn neu kennenlernen und akzeptieren, dass vieles langsamer geht als früher.» Ihre Erkrankung hat sie gelehrt, sich einerseits Zeit für ihre Ziele zu lassen und andererseits auch, Hilfe anzunehmen. «Stark sein heisst für mich heute nicht mehr, alles alleine schaffen zu müssen. Wenn es mir schlecht geht, sage ich es und fordere Unterstützung ein.»

Anastasiya ist Teil der Peer-Plattform der Krebsliga.

Mehr Informationen 

Journalistin: Paula-Sophia Wollenmann
Datum: 05.10.2026