«Auch mit der Diagnose darf das Leben wieder leichter werden»
Die Diagnose Endometriumkarzinom geht oft mit Ängsten einher, etwa vor Rückfällen oder Kontrolluntersuchungen («Scanxiety»). Sarah Scholze, Psychoonkologin der Luzerner Psychiatrie AG, erklärt, wie es gelingen kann, den Fokus wieder ins Hier und Jetzt zu lenken und Schritt für Schritt neues Vertrauen zu entwickeln.
Frau Scholze, wenn jemand mit der Diagnose Endometriumkarzinom konfrontiert wird – was sind neben der Therapie die grössten Herausforderungen?
Sarah Scholze: Eine Schwierigkeit ist, dass das Endometriumkarzinom oft erst relativ spät entdeckt wird. Es gibt kein standardisiertes Screening und lange Zeit kaum eindeutige Symptome. Neben der medizinischen Seite sind die Herausforderungen aber vor allem emotional. Wie bei jeder Krebsdiagnose stellen sich viele grundlegende Fragen: Was bedeutet das für mein Leben? Wie sind meine Heilungschancen? Das ist für die meisten Patientinnen zunächst sehr belastend.
Therapeutisch steht in der Regel die Operation im Vordergrund. Dabei wird die Gebärmutter entfernt, häufig auch die Eierstöcke. Eine Chemotherapie wird heute nicht automatisch eingesetzt, sondern vor allem dann, wenn die Erkrankung weiter fortgeschritten ist oder Metastasen vorliegen. Häufig erfolgt ergänzend eine Bestrahlung von innen, um das Risiko eines Rückfalls zu reduzieren. Eine solche Behandlung beschreiben die Patientinnen als besonders schmerzvoll und belastend.
Wie verhält es sich, wenn bereits Metastasen vorhanden sind?
Scholze: Viele Patientinnen setzen eine Metastasierung mit einem Todesurteil gleich – das stimmt so nicht. Auch in dieser Situation gibt es verschiedene Behandlungsmöglichkeiten.
Ziel ist es, das Tumorwachstum zu kontrollieren, meist durch gezielte medikamentöse Therapien wie eine Chemotherapie oder Immuntherapie. Je nach Befund können Metastasen auch operativ entfernt oder bestrahlt werden, etwa im Knochenbereich zur Schmerzreduktion und Stabilisierung.
In vielen Fällen lässt sich die Erkrankung über längere Zeit stabilisieren, sodass Patientinnen manchmal noch über Jahre damit leben können.
Welche Herausforderungen gibt es nach dem Ende der aktiven Therapie?
Scholze: Oft unterschätzt werden zwei zentrale Angstquellen: die körperliche und die psychische. Körperlich geht es häufig um den Umgang mit bleibenden Einschränkungen – etwa Schmerzen, anhaltende Müdigkeit, Inkontinenz oder eine beeinträchtigte Sexualität. Das kann im Alltag sehr belastend sein. Auf der psychischen Ebene spielt vor allem die Angst eine grosse Rolle: die Sorge vor einem Rückfall oder vor Metastasen. Viele erleben eine anhaltende Unsicherheit, auch wenn die Therapie abgeschlossen ist.
Wie können Betroffene mit diesen Ängsten umgehen?
Scholze: In der psychoonkologischen Begleitung arbeiten wir häufig mit verhaltenstherapeutischen Ansätzen. Ein wichtiger Schritt ist, die eigenen Gedanken wahrzunehmen und bewusst zu steuern. Viele Patientinnen geraten in sogenannte «Was-wäre-wenn»-Gedankenspiralen; hier kann man lernen, diese gezielt zu unterbrechen.
Gleichzeitig geht es darum, den Fokus wieder ins Hier und Jetzt zu lenken: Heute ist heute. Heute geht es mir gut. So gelingt es, sich nicht von möglichen Zukunftsszenarien vereinnahmen zu lassen. Es gibt konkrete Strategien, um mit dieser Angst umzugehen – mit dem Ziel, dass nicht die Angst die Kontrolle übernimmt, sondern die Betroffenen selbst.
Welche Strategien gibt es im Umgang mit «Scanxiety», der Angst vor Kontrolluntersuchungen?
Scholze: Die Angstkurve darf vor einer Untersuchung ansteigen – das ist ganz normal und mit Prüfungsangst vergleichbar. Problematisch wird es dann, wenn die Angst schon Wochen vorher da ist und das Leben bestimmt. Hier kann eine Umstrukturierung der Gedanken helfen, die sich erlernen lässt. Hin zu: Die Untersuchung ist eigentlich mein «Freund» und kann mir Sicherheit geben, gerade nach dem Kontrollverlust durch die Krankheit. Man kann sich bewusst sagen: «Der Vorteil meiner Situation ist, dass ich engmaschig überwacht werde und frühzeitig erkannt werden kann, wenn etwas nicht in Ordnung ist.» Je mehr Zeit vergeht und je mehr positive Resultate da sind, desto mehr wächst auch das Vertrauen in den eigenen Körper wieder.
Wo finden Betroffene Unterstützung?
Scholze: Viele Spitäler bieten einen psychoonkologischen Dienst an, der bei der emotionalen Verarbeitung unterstützt. Zusätzlich gibt es Organisationen wie die Krebsliga, die Beratung und Informationen anbieten. Für gynäkologische Krebserkrankungen ist auch ElleHelp, Verein für gynäkologische Krebsarten, eine wichtige Fachorganisation.
Welche Rolle spielen Selbsthilfegruppen oder der Austausch mit anderen Betroffenen?
Scholze: Grundsätzlich kann der Austausch mit anderen Betroffenen sehr hilfreich sein, aber der Zeitpunkt ist entscheidend. Direkt nach der Diagnose sind viele Patientinnen erst einmal überfordert und mit Informationen überschüttet. In dieser Phase reagieren manche eher mit Rückzug oder wie «eingefroren» und können solche Angebote noch nicht gut annehmen.
Erst später, wenn sich die Situation etwas stabilisiert hat, entsteht bei vielen das Bedürfnis, Erfahrungen zu teilen. Dann kann der Austausch sehr entlastend sein.
Ein wichtiger Aspekt ist, dass andere Betroffene oft besser nachvollziehen können, wie es einem wirklich geht. Angehörige möchten unterstützen, verstehen aber nicht immer, dass die Erkrankung auch nach der Therapie emotional weiterwirkt – und nie ganz einfach vorbei ist.
Tipps für den Umgang mit der Erkrankung:
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Keine Schuldzuweisungen: Fragen wie «Was habe ich falsch gemacht?» belasten zusätzlich.
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Nicht überinterpretieren: Die Erkrankung ist eine medizinische Tatsache – keine Prüfung oder «Botschaft».
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Blick nach vorne richten: Die Energie bewusst in die Zukunft lenken statt in Grübelschleifen.
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Ressourcen stärken: Sich fragen: Was tut mir gut? Was gibt mir Kraft? Diese «Seelenanker» aktiv pflegen.
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Positive Momente zulassen: Auch während oder nach der Erkrankung darf das Leben schön sein. Freude und Genuss haben ihren Platz.
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Balance finden: Auf einen gesunden Lebensstil achten, ohne sich alles zu verbieten.
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Wachstum ermöglichen: Viele Betroffene erleben rückblickend ein sogenanntes posttraumatisches Wachstum.
Die Interviewpartnerin ist unabhängig. Der Sponsor hatte keinen Einfluss auf den Inhalt.
Datum: 30.04.2026
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