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Darmkrebs: «Ich habe gelernt, über mich zu sprechen»

Die Diagnose Darmkrebs kommt für Christoph unerwartet. Sie stellt nicht nur seinen Alltag auf den Kopf, sondern verändert auch seinen Blick auf sich selbst und auf andere. Während der Behandlung lernt er, Gefühle auszusprechen, Grenzen zu setzen und Hilfe anzunehmen. 

Heute kann er besser sagen, wenn ihn etwas beschäftigt – und auch, wenn er einfach einmal Zeit für sich braucht.

 

Ein Schock auf dem Bahnperron

«Nicht weinen.» Das ist Christophs erster Gedanke, als er auf dem Bahnperron steht. Die eben durchgeführte Darmspiegelung war als Check-up gedacht, weil er sich im zweiten Corona-Lockdown nicht richtig fit gefühlt hatte. Nun steht die Diagnose im Raum: Darmkrebs. Christophs Selbstbeherrschung hält nur wenige Minuten. Der 37-Jährige ruft seine Eltern an, die Stimme brüchig, die Tränen nah. Sie holen ihn sofort ab.

Weitere Untersuchungen machen die Situation zunächst noch bedrohlicher: Sie zeigen zwei kleine Ableger auf der Leber. Christoph wird operiert, bleibt fünfzehn Tage im Spital und wird zeitweise künstlich ernährt. Ihm wird ein Port eingesetzt, danach folgen zwölf Zyklen Chemotherapie. In dieser ersten Zeit sei vor allem eines schwierig gewesen, sagt Christoph: nicht zu wissen, was kommt. «Die Zwischenzeiten, in denen man nicht weiss, wie es weitergeht, sind anstrengend», sagt er. Klarheit habe ihm geholfen. «Sobald ein weiterer Schritt feststand, konnte ich mich daran orientieren. Das hat mir ein Stück weit Ruhe gegeben.»

 

Worte gegen die Sprachlosigkeit

Früh entscheidet sich Christoph, offen über seine Krankheit zu sprechen. Einen Tag nach der Diagnose hat er schon die erste Gesprächstherapie. «Die Seelsorge und die Psychoonkologie gaben mir Halt», erzählt er. Über seine Gefühle zu sprechen und Emotionen offen zu zeigen, fiel Christoph bis dahin schwer. Doch er merkt, dass es ihm guttut, über sein Befinden zu erzählen. Die Gespräche mit der Psychologin helfen ihm, Dinge von aussen zu betrachten und Belastendes «abzulagern». Beim Erzählen kommen auch die eigenen Gefühle zum Vorschein, manchmal mit Tränen, und er erkennt, was ihn wirklich beschäftigt. «Ich kann Emotionen heute viel besser zulassen; auch Weinen gehört für mich dazu.» Bis heute geht er in Therapie und möchte gerade Männern Mut machen, solche Angebote anzunehmen: Emotionen zuzulassen, hat nichts mit Schwäche zu tun.

Auch in seinem privaten und beruflichen Umfeld gehört für Christoph ein Austausch über den Krebs dazu. Per E-Mail informiert der gelernte Buchhändler und Filialleiter sein Team regelmässig darüber, wie es ihm geht. So will er verhindern, dass Gerüchte entstehen. «E-Mails zu schreiben hat mir geholfen, meine Gedanken zu ordnen.» Beim Schreiben kann er sich Zeit nehmen und überlegen, was er wirklich sagen will. «Darüber reden oder darüber schreiben ist für mich wie eine Gratistherapie.»

«Ich versuche mir heute aktiv Zeit zu nehmen für Dinge, die mir wichtig sind: für Menschen, Projekte, oder einfach für mich selbst.»

Christoph

Lernen, Nein zu sagen

Während der Chemotherapie wird Christoph zunehmend müde und muss seine Kräfte einteilen. «Die Chemo-Müdigkeit wurde immer schlimmer. Es war eine einschneidende Zeit», erzählt Christoph. Auch eine seiner grossen Leidenschaften fällt weg: das Essen. Ein halbes Jahr lang hat Christoph kaum Hunger, zu essen macht ihm keine Freude mehr. «Ich wusste jedoch: Diese Zeit geht vorbei.» Daran hält er sich fest.

Und ausgerechnet in dieser Zeit lernt er etwas fürs Leben: Nein zu sagen. «Ich war damals viel zu Hause, konnte oftmals nicht einmal spazieren gehen.» Er lernt, Verabredungen abzusagen und Verpflichtungen abzulehnen. Er lernt, sich abzugrenzen. Heute ist das «Nein» für ihn eine wichtige Form der Selbstfürsorge. «Ich kann jetzt in Gesprächen viel besser Grenzen ziehen», sagt Christoph. Und er hat gelernt, dass Offenheit nicht bedeutet, alles mit allen teilen zu müssen. Heute weiss er besser, wann ihm ein Gespräch guttut und wann er seine Ruhe braucht.

 

«Das Leben ist wertvoll»

Zweimal muss Christoph die Erfahrung einer schwerwiegenden Diagnose machen: Zwei Jahre nach der ersten Behandlung wird erneut eine Metastase auf der Leber gefunden. Diese kann jedoch schnell verödet werden und zehn Tage nach dem Eingriff nimmt Christoph seinen Alltag wieder auf. Doch solche Erfahrungen lassen sich nicht einfach abhaken. Sie verändern den Blick auf die eigene Endlichkeit. Er beginnt, sich bewusst mit dem Tod auseinanderzusetzen, und besucht einen Kurs zur Sterbebegleitung. Er möchte andere in schwierigen Situationen begleiten und ihnen Würde geben. Für ihn gehört die Endlichkeit zum Leben; hinzuschauen, statt zu verdrängen, ist Teil seines Weges. Daraus wächst eine neue Wertschätzung für das Hier und Jetzt. «Das Leben ist wertvoll», sagt Christoph.

 

Was bleibt

Heute geht es Christoph gut, fast wie früher. Sport hat ihm geholfen, Vertrauen in seinen Körper zurückzugewinnen. «Früher lebte ich eher nach dem Motto: Sport ist Mord», erzählt er lachend. Doch er hat gemerkt, wie gut ihm Bewegung tut. Er joggt und macht mehrtägige Wandertouren. Und auch seine Freude am Essen ist zurück. Die Verdauung sei manchmal noch mühsam, aber damit könne er gut leben, erzählt er. Wegen Narbe und Port fühlte er sich anfangs unwohl und ging rund ein Jahr nicht ins Schwimmbad – bis er merkte, dass die anderen sich viel weniger dafür interessieren als gedacht. Heute erinnern ihn diese Spuren an seine Geschichte. Und daran, dass er noch da ist.

«Auch meine Familie und Freunde geben mir enorm viel Kraft», so Christoph. Weil Dankbarkeit im Alltag schnell verblasst, baut er bewusst Pausen ein und fragt sich, was gerade wichtig ist und ob der Ärger wirklich so gross ist. «Ich versuche mir heute aktiv Zeit zu nehmen für Dinge, die mir wichtig sind: für Menschen, Projekte, oder einfach für mich selbst», so Christoph. Seine Arbeitszeit hat er auf 80 Prozent reduziert. Er möchte nicht mehr alles auf später verschieben.

Was ihm die Krankheit vor allem gegeben hat, ist eine neue Sprache für das eigene Befinden. Er kann heute sagen, wenn etwas zu viel wird, wenn er Angst hat, traurig ist oder Hilfe braucht. Seine wichtigste Erkenntnis: Man darf Grenzen setzen.

Journalistin: Paula-Sophia Wollenmann
Datum: 07.10.2026