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Kieferkrebs
Erfahrungsbericht

Kieferkrebs: «Der Krebs sagt mir heute: Ich soll auf mich aufpassen.»

Was Sarah heute so selbstverständlich sagt, hätte sie sich mit 18 Jahren kaum vorstellen können. Damals wollte sie vor allem eines: stärker sein als die Krankheit. Heute, 20 Jahre nach ihrer Diagnose, weiss sie, dass es nicht darum geht, den Krebs jeden Tag zu besiegen. Sondern darum, mit dem umzugehen, was ist.

Als Sarah 18 Jahre alt ist, ist Bewegung ihr Leben. Sie ist sportlich und voller Energie, fährt Ski und Snowboard, spielt Handball und steckt mitten in ihrer Ausbildung zur Fachfrau Operationstechnik. Sie liebt ihren Beruf und ist voller Elan. Dass ein Ball im Gesicht bei einem Handballspiel ihr Leben grundlegend verändern würde, ahnt sie damals nicht. Nach dem Treffer rät ihre Mutter Sarah, sicherheitshalber zum Zahnarzt zu gehen. Auf dem Panoramaröntgen zeigt sich eine Auffälligkeit, wobei die behandelnden Ärztinnen und Ärzte zunächst eine Zyste vermuten. Kurz darauf wird diese in einer Klinik entfernt. «Nach der Operation hatte ich erst keine Beschwerden mehr», erzählt Sarah. Doch eine Beule in ihrem Mund bleibt zurück und fällt ein Jahr später bei der jährlichen Kontrolle erneut auf. Die Stelle wird geröntgt und untersucht. Dieses Mal lautet die Diagnose: ein gutartiger Tumor. Er wird vollständig entfernt und zur Untersuchung eingeschickt.

Zwei Monate später wird Sarah ans Kantonsspital Luzern, ihren eigenen Arbeitsort, überwiesen. Dort folgen weitere Untersuchungen – unter anderem CT, MRT, Blutuntersuchungen und eine genaue Untersuchung der Mundhöhle. «Noch auf dem Heimweg bekam ich einen Anruf aus der Kieferchirurgie. Sie baten mich, nochmals ins Spital zu kommen. Die Ergebnisse seien da und sie würden gerne mit mir sprechen.» Dann die Gewissheit: Der vermeintlich gutartige Tumor ist bösartig. Die Diagnose lautet Karzinom – Krebs. Anfangs verdrängt Sarah den Befund: «Ich habe erst einen guten Monat später realisiert, dass ich tatsächlich Krebs habe», erzählt sie.

 

Vom OP-Saal ins Patientenbett

Es folgen Operation, Bestrahlung und Chemotherapie. Für die Rekonstruktion werden unter anderem Gewebe vom Arm und vom Schulterblatt verwendet. Besonders einschneidend ist für Sarah, dass sie ausgerechnet an ihrem eigenen Arbeitsort zur Patientin wird. «Ich wurde von meinem eigenen Team operiert.» Von Menschen also, mit denen sie sonst selbst im Operationssaal steht und sich um andere Patientinnen und Patienten kümmert. Plötzlich liegt sie selbst auf dem Operationstisch und ist auf andere angewiesen.

Doch Sarah will diese neue Rolle möglichst schnell hinter sich lassen und zurück in ihr gewohntes Leben. Schon drei Wochen nach der geglückten Operation möchte sie wieder arbeiten. Ihr Beruf bedeutet ihr viel, die Arbeit gibt ihr Kraft und ein Stück Normalität. Gleichzeitig verändert die eigene Erkrankung ihren Blick auf die Menschen, die sie betreut. «Ich weiss heute aus eigener Erfahrung, wie verletzlich man sich als Patientin oder Patient fühlen kann. Ich arbeite so, wie wenn ich selber Patientin wäre.»

Sarah, Kieferkrebs-Betroffene, im Porträt

Sarah hat gelernt, zur Ruhe zu kommen.

Wenn Essen nicht mehr selbstverständlich ist

Die körperlichen Folgen ihrer Erkrankung begleiten Sarah bis heute. Operationen und Bestrahlung haben ihre Mundhöhle stark verändert. Seit einigen Jahren kann sie nicht mehr richtig schlucken. Heute leidet Sarah ausserdem an einer Kachexie, einer krankheitsbedingten Unterernährung. «Ich muss mich beim Essen stark konzentrieren, und oftmals sind nur wenige Bissen möglich.» Seit März wird Sarah deshalb zusätzlich über eine PEG-Sonde ernährt. Doch die Sonde am Bauch entzündet sich immer wieder und die darüber zugeführten Kalorien reichen nicht mehr aus. Deshalb soll Sarah zusätzlich über die Blutbahn mit Nährstoffen versorgt werden. Ein Port dafür wird in nächster Zeit implantiert.

Besonders schmerzlich ist für Sarah, dass etwas so Alltägliches wie Essen für sie nicht mehr selbstverständlich ist. Gleichzeitig erlebt sie, dass Menschen ihre Situation von aussen falsch einschätzen. «Viele Menschen nehmen mich nicht ernst und verstehen nicht, dass ich zwar essen will, es aber schlichtweg nicht gut funktioniert.»

Sarahs Erkrankung lässt sich nicht verstecken. Nicht nur die Folgen der Operationen und die Kachexie sind sichtbar, auch ihre Aussprache hat sich verändert. «Telefonieren kostet mich mittlerweile Überwindung. Ich erlebe immer wieder, dass Menschen blöde Kommentare machen oder wenig Verständnis zeigen.» Seit sie jedoch offener mit ihrer Erkrankung umgeht, erlebt sie weniger Einschränkungen.

«Heute geht es für mich nicht mehr darum, jeden Tag gegen den Krebs anzukämpfen. Vielmehr versuche ich, mit dem umzugehen, was ist.»

Sarah

Eine Balance mit dem Krebs finden

Auch Sarahs Haltung gegenüber ihrer Erkrankung hat sich verändert. Lange hatte sie das Gefühl: «Entweder ich oder der Krebs.» Sie wollte stärker sein als die Krankheit und den Krebs besiegen. Doch irgendwann merkt sie, dass sie mit diesem Denken nicht weiterkommt. Ein Rückfall im Jahr 2022, bei dem erneut ein Karzinom entfernt werden musste, führt zu einem weiteren Umdenken. Sarah beginnt, die Erkrankung anders zu betrachten. «Heute geht es für mich nicht mehr darum, jeden Tag gegen den Krebs anzukämpfen. Vielmehr versuche ich, mit dem umzugehen, was ist.» Dazu gehört auch, zur Ruhe zu kommen. Sarah muss heute stärker auf ihren Körper hören und sucht nach einer Balance: Atemarbeit und andere Formen der Entspannung helfen ihr dabei. «Die Krankheit hilft mir, auf mich zu achten und bewusst mit meinem Körper umzugehen.» Und auch Dankbarkeit für die kleinen Dinge hat der Krebs Sarah gelehrt: ein Gipfeli am Morgen, Zeit mit Freundinnen oder mit ihren Katzen Momo und Teddy – Sarah weiss solche Momente heute mehr zu schätzen. «Ich habe durch den Krebs gelernt, die kleinen Dinge bewusster wahrzunehmen – und dafür bin ich dem Krebs dankbar.»

Journalistin: Paula-Sophia Wollenmann
Datum: 05.10.2026