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Für alle
Expertenbericht

Intim­ität braucht Krebs­-Aus­zeiten!

Doktor Ines Schweizer

Dr. Ines Schweizer
Eidgen. anerkannte Psychotherapeutin
und Sexualtherapeutin
Praxis für Sexual- und Psychotherapie
Luzern

Intimität ist für Krebsbetroffene wich­tig und kann eine wertvolle Kraftquel­le sein, um schwierige Zeiten im Leben zu bewältigen. «Sie ist Ausdruck von Liebe, Wertschätzung, Vertrauen – und das ganz ohne Worte», sagt die Sexual­therapeutin Dr. Ines Schweizer.

Dr. Schweizer  im  Gespräch

 

Dr. Schweizer, weshalb hat eine Krebserkrankung oftmals auch schwere Auswirkungen auf das Sexualleben?

Nicht jede Krebsart wirkt sich gleich schwerwie­gend auf das Sexualleben aus. So haben etwa Krebserkrankun­gen der weiblichen oder männlichen Geschlechtsorgane einen grösseren Einfluss auf die Sexualität, als wenn beispielsweise eine Hautkrebserkrankung vorliegt. Generell verändert eine Krebserkrankung die Körperwahrnehmung, man fühlt sich möglicherweise nicht mehr attraktiv und das Selbstvertrauen schwindet. Daraus entsteht häufig eine Angst, dem Partner nicht mehr zu gefallen und den gewünschten Anforderungen nicht mehr zu entsprechen. Gleichzeitig hat der oder die Betrof­fene vielleicht Schmerzen, leidet unter Müdigkeit. Ebenso kön­nen auch die Nebenwirkungen der Therapien das sexuelle Ver­langen reduzieren.


Intimität ist nicht gleich Sexualität. Welche Intimitätsformen gibt es?

Es gibt eine emotionale und eine körperliche In­timität: Die emotionale Intimität vereint Aspekte wie etwa Akzeptanz, Wertschätzung, einen respektvollen Umgang, Nähe, Vertrauen – die Herzen zweier Menschen fühlen sich verbunden. Die körperliche Intimität wiederum beinhaltet Sexualität, Berührung, Lust, Begehren, nah-sein. Es braucht beide Formen der Intimität für eine erfüllende Beziehung und beide Intimitätsformen sind sehr wichtig in schwierigen Lebensphasen. Denn über Berührung, über die körperliche Nähe können wir viele Gefühle transportieren und diese nonverbal vermitteln. Und manchmal braucht es Worte, um dem gegenüber klar zu verdeutlichen, was einem berührt – auch gefühlsmässig.

«Indem man dem Partner / der Partnerin seine Sorgen, Ängste und Befürchtungen mitteilt, wird eine wertvolle Vertrauens­basis geschaffen.»

Dr. Ines Schweizer

Wie kann es einem Paar gelingen, ihre körperliche Intimität der neuen Situation anzupassen, ohne
dass die Sexualität zu einem Stressfaktor wird?

Zentral ist eine offene Kommunikation. Indem man dem Partner/der Partnerin seine Sorgen, Ängste und Be­fürchtungen mitteilt, wird eine wertvolle Vertrauensbasis ge­schaffen. Der Austausch darüber, welche Bedürfnisse vorhan­den sind, was für sexuelle Wünsche und Möglichkeiten die Partnerin oder der Partner hat, kann die Sexualität neu bele­ben. Ebenso sind Streicheln, Liebkosen und Kuscheln, oder auch Umarmungen und Massagen, Möglichkeiten, sich dem Sexualleben wieder anzunähern.

Wie verändert eine Krebserkrankung die Beziehung eines Paares?

Manchmal verlieren sich die Betroffenen als Paar im belastenden Krankheitsprozess. Und das sowohl körperlich wie auch emotional. Wenn das Schlimmste dann überstanden ist, merken viele Paare, dass die Partnerschaft und eben auch die Sexualität/Intimität auf der Strecke geblieben sind. Hier kommt es aber auch stark darauf an, was ein Paar vorher für eine Beziehung geführt hat, sowohl auf der Emotions- wie auch auf der Sexualitätsebene. Je stabiler eine Beziehung ist, desto besser können Krisen bewältigt werden. Ebenso können Krisen Paare zusammenschweissen und die Beziehung kann an Tiefe gewinnen.

Nach überstandener Therapie: wie kann wieder ein positives Körperbild entwickelt und die Sexualität neu entdeckt werden?

Man muss sich zuerst wieder mit dem Körper ver­söhnen, Vertrauen zu ihm aufbauen und sich darin zurecht­finden. Das beginnt mit kleinen Schritten: sich selbst verwöh­nen, berühren, den Körper pflegen, zum Coiffeur oder zur Kos­metik gehen, Sport treiben, sich gesund ernähren. Je mehr man wieder in seinem eigenen Körper ankommt, desto mehr kann man sich auf die Sexualität und den Partner oder die Partnerin einlassen. Dabei sollte man sich bewusst Auszeiten für sich und die Beziehung nehmen. Ebenso ist es für die In­timität wichtig, dass es Auszeiten vom Krebs gibt. Zeiten, in denen der Krebs kein Thema ist.


Welche Tipps können Sie Betroffenen geben?

Pflegen Sie Ihre Partnerschaft, bleiben Sie im Kon­takt mit Ihrer Partnerin/Partner sowohl über Kommunikati­on aber auch über Berührung. Seinem Gegenüber das Gefühl geben, geliebt, geschätzt und begehrt zu werden, kann man auf ganz verschiedene Art und Weise. Beispielsweise einen Spaziergang machen, zusammen einen tollen Film schauen, auf dem Balkon ein Glas Wein trinken, sich umarmen, küssen und vieles mehr. Oftmals reichen kleine Aufmerksamkeiten. Das wichtigste ist sicher, sich Zeit nehmen – gemeinsam Quali­ty-Time zu verbringen. Ermöglichen Sie Ihrem Körper die nöti­ge Zeit zur Erholung und tun Sie ihm Gutes.
Und scheuen Sie sich nicht davor, als Paar Hilfe zu holen! Die Krebsligen bieten viele Hilfsangebote und Kurse (auch online) an, um Informationen zu erhalten oder sich mit anderen Be­troffenen auszutauschen.

Journalistin: Anna Birkenmeier