KI und Dr. Google in der Sprechstunde
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Patientenkompetenz

KI in der Sprech­stunde

Ob Umgang mit Nebenwirkungen, Bewegungstipps oder ganze Behandlungsvorschläge: Künstliche Intelligenz (KI) Tools haben auf alles eine Antwort. Aber ist es immer die richtige? Onkologe Dr. Tim Kahl und Patientin Adriana im Gespräch über Chancen und Grenzen der Online-Recherche bei Krebs.

KI und Dr. Google in der Sprechstunde

Dr. Tim Kahl
Oberarzt Medizinische Onkologie und Hämatologie
HOCH Health Ostschweiz

KI und Dr. Google in der Sprechstunde

Adriana
Krebsbetroffene

Dr. Kahl, wie reagieren Sie, wenn Patienten und Patientinnen mit Informationen aus KI-Tools wie bspw. ChatGPT in die Sprechstunde kommen?

Dr. Tim Kahl: Ich begrüsse das grundsätzlich sehr und ich animiere auch meine Patientinnen und Patienten dazu, sich zu informieren. Mir ist jemand, der aktiv Fragen stellt und mitdenkt, lieber als jemand, der sich nur beraten lässt. Ich erlebe oft, dass Betroffene, die sich informieren und aktiv nach Lösungen suchen, besser durch die Therapien kommen. Gerade in Bezug auf die unterstützenden Bereiche findet man online viel Hilfreiches, beispielsweise Massnahmen gegen Nebenwirkungen oder Tipps zu Bewegung bei Krebs.

 

Immer mehr Personen lassen sich durch KI sogar konkrete Therapieempfehlungen erstellen. Wie beurteilen Sie dies?

Kahl: Bei konkreten Behandlungsempfehlungen sind viele Online-Informationen nicht zutreffend. Vorerkrankungen und molekulare Besonderheiten, die die Situation massgeblich verändern, bleiben meist unberücksichtigt, da die KI keinen Zugriff auf Patientendaten hat. Teils werden Medikamente genannt, die in Europa oder der Schweiz gar nicht oder noch nicht zugelassen sind, oder es handelt sich um sehr frühe Studien-Settings, bis zu deren Anwendung noch Jahre vergehen können.

 

Wo liegen die Grenzen der KI bei der Erstellung von Therapieempfehlungen?

Kahl: KI arbeitet letztlich mit Wahrscheinlichkeiten: Sie generiert immer eine Antwort, basierend auf den wahrscheinlichsten Treffern. Das unterscheidet sie fundamental von unserer Arbeitsweise: Bei uns fällt jede Behandlungsempfehlung im interdisziplinären Tumorboard, an dem mindestens eine Fachperson aus jeder beteiligten Disziplin anwesend ist. Sie alle kennen die Leitlinien und das Thema im Detail und treffen einen gemeinsamen Entscheid. Diese kollektive fachliche Einschätzung wiegt deutlich schwerer als eine Maschine, die im Hintergrund Daten zusammenträgt.

 

Welche Tipps würden Sie Patientinnen und Patienten zum Umgang mit KI geben?

Kahl: Schwierig wird es, wenn die Online-Recherche das Vertrauen in die Fachperson untergräbt, etwa wenn Betroffene bereits mit zehn Seiten Behandlungsempfehlungen zur ersten Sprechstunde kommen. Eine Zweitmeinung befürworte ich ausdrücklich, problematisch wird es jedoch, wenn daraus drei, vier, fünf Meinungen werden und Betroffene teils ein halbes Jahr suchen, bevor sie eine Entscheidung treffen. Ich will die Technologie nicht schlechtreden, aber sie kann zu grosser Verunsicherung führen und das Vertrauensverhältnis bereits im Vorfeld belasten. Es gibt aber auch den gelungenen Umgang: Manche Patientinnen, wie beispielsweise Adriana, kommen zwar informiert und mit eigenen Vorstellungen, hören sich aber die ärztliche Empfehlung an und nehmen die Online-Recherche lediglich als Vorinformation, die am Ende gemeinsam mit allen übrigen Informationen in eine Entscheidung einfliesst.

«Was KI mir nicht bieten kann, ist die persönliche Anteilnahme.»

Adriana

Adriana, wie nutzt du Online-Tools in Bezug auf deine Krebsbehandlung?

Adriana: Ich bin so ein Mensch, wenn mir jemand etwas erklärt, dann frage ich nach, weil ich es genau wissen will. Und in meinem Fall erst recht: Ich habe Krebs, es geht um meinen Körper, da muss ich mich richtig informieren.

Ich gehöre sicher zu den Patientinnen, die mit vielen Fragen kamen. Einen Teil davon habe ich mit KI und Google erarbeitet, vor allem aber über Austauschseiten mit anderen Betroffenen. Wichtig war mir dabei, mich auf das zu beschränken, was mich persönlich betrifft. Mit 30 Seiten zur Sprechstunde zu kommen, bringt ja nichts. Dr. Kahl ist auf all meine Fragen eingegangen und hat sie ausführlich beantwortet, da fühlt man sich als Patientin gut aufgehoben.

 

Wie hast du den Unterschied zwischen der KI-Empfehlung und der Einschätzung von Dr. Kahl erlebt?

Adriana: Ich habe mir zwar viele Informationen online geholt, aber die für meine Krankheit und meine Person wirklich relevanten Antworten habe ich nur von den Fachpersonen bekommen. KI und Google können vieles, aber es bleibt eine Verallgemeinerung.

Ein Beispiel: Ich durfte zwischen einer hohen Dosis alle drei Wochen und einer kleineren Dosis wöchentlich wählen. Ich habe nachgefragt, welche Studie dahinterstand, wer sie gemacht hat und weshalb diese Vorgehensweise für meinen Fall am sinnvollsten ist. Dr. Kahl hat mir alles erzählt und konnte jede Frage präzise beantworten. Das hat mich fasziniert: Er wusste einfach alles. Bei einer KI hätte ich viel mehr Fragen stellen müssen und wäre am Schluss doch nicht sicher gewesen, ob die Antworten für mich persönlich stimmen. Dafür ist mir meine Zeit zu schade. Da lese ich lieber ein Buch, gehe spazieren oder koche etwas Feines, anstatt Stunden am PC zu verbringen.

 

Was würdest du anderen im Umgang mit der Online-Recherche empfehlen?

Adriana: Online-Tools können helfen, Fragen zu formulieren oder zu reflektieren. Was KI mir aber nicht bieten kann, ist die persönliche Anteilnahme: Dr. Kahl kommt jede Woche zu mir und fragt, wie es mir geht und ob ich eine gute Woche hatte. Das kann keine KI leisten.

Ich kann allen Betroffenen nur empfehlen, eine echte Beziehung zu den Fachpersonen aufzubauen. Ich komme jede Woche sehr gerne hierher, die Leute sind alle mega nett, und man spürt den Zusammenhalt im Team. Sobald das Umfeld und die Atmosphäre stimmen, fühlt man sich aufgehoben und ist auch mental stärker. Dann sagt man sich: «Okay, das schaffe ich auch noch.» 

 

 

Die Interviewpartner sind unabhängig. Der Sponsor hatte keinen Einfluss auf den Inhalt.

Text: Nadine Gantner
Datum: 21.10.2026