«Wenn die Therapie beginnt, wird die Angst oft kleiner»
Vor dem Start einer Lungenkrebstherapie sind viele Betroffene vor allem eines: verunsichert. Was kommt auf mich zu? Wie wird mein Körper reagieren? Seraina Holenstein, Pflegefachfrau am Kantonsspital Baden, begleitet Menschen genau in dieser Phase. Sie erzählt, was ihnen Sicherheit gibt und warum es bei Lungenkrebs heute mehr Grund zur Hoffnung gibt als noch vor wenigen Jahren.
Im Gespräch mit Seraina Holenstein
Frau Holenstein, was geht in den Menschen vor, wenn sie zum ersten Mal zur Therapie kommen?
Seraina Holenstein: Viele fühlen sich zu diesem Zeitpunkt unsicher. Sie haben eine Diagnose erhalten, wissen nicht, was auf sie zukommt, und haben oft Angst vor den Nebenwirkungen. Gerade ältere Patientinnen und Patienten haben viele Bilder von Früher im Kopf: Übelkeit, Schmerzen, starke Müdigkeit.
Das Ungewisse belastet häufig am meisten: Was passiert, wenn dieses Medikament in meinen Körper gelangt? Wie werde ich darauf reagieren? Dabei vertragen die meisten Patientinnen und Patienten die Therapie recht gut. Wir nehmen uns deshalb vor der ersten Behandlung viel Zeit, um Fragen zu klären, Ängste ernst zu nehmen und Sicherheit zu geben.
Zwischen Diagnose und Therapiestart vergehen oft einige Wochen. Wie erleben Betroffene diese Zeit?
Holenstein: Diese Wartezeit ist schwierig. Viele informieren sich im Internet und sind danach noch verunsicherter. Auch der Austausch mit anderen Betroffenen hilft nicht immer. Gerade bei Lungenkrebs sind die Behandlungen heute sehr unterschiedlich, von der Infusion bis zur Tablette, die man zu Hause einnimmt. Was bei jemand anderem gilt, muss für einen selbst nicht zutreffen.
Ich rate deshalb, Fragen aufzuschreiben und sie direkt bei uns zu stellen. Und zum ersten Termin eine vertraute Person mitzunehmen: Vier Ohren hören besser als zwei.
Was sagen Sie jemandem, der grosse Angst vor den Nebenwirkungen hat?
Holenstein: Wir besprechen, welche Nebenwirkungen bei der jeweiligen Therapie überhaupt auftreten können und was wir dagegen tun können. Ich versichere den Patientinnen und Patienten auch, dass sie sich jederzeit bei uns melden dürfen. Das gibt Sicherheit. Und ich sage: Wir steigen jetzt in diesen Zug ein und schauen gemeinsam, wie es läuft. Wenn es für Sie nicht stimmt, können wir jederzeit wieder aussteigen.
Verändert sich die Angst, sobald die Therapie tatsächlich beginnt?
Holenstein: Ja, meist schon. Wenn beispielsweise die Infusion mit dem Medikament erst einmal zehn oder 15 Minuten läuft, legt sich die Angst bei vielen langsam. Das Ungewisse wird konkreter und dadurch oft auch weniger bedrohlich. Es ist äusserst selten, dass jemand nach der Therapie sagt: «Es war der reinste Horror.»
«Darüber zu sprechen, ist ganz wichtig. Die Ängste auszusprechen, sie gemeinsam anzuschauen und nicht alles mit sich allein auszumachen, kann bereits sehr entlastend sein.»
Worauf sollten Lungenkrebsbetroffene in den ersten Wochen der Therapie besonders achten?
Holenstein: Wichtig ist, Veränderungen ernst zu nehmen und sich zu melden, statt abzuwarten. Die Veränderungen aufzuschreiben kann hilfreich sein, um beim nächsten Arztgespräch nichts zu vergessen. Bei Lungenkrebs gilt das besonders für die Atmung: Neue oder stärkere Atemnot oder Husten können von der Krankheit kommen, aber auch von der Therapie. Das müssen wir wissen.
Bei Immuntherapien können Nebenwirkungen zudem erst Wochen nach dem Start auftreten und sich nur schleichend bemerkbar machen. Wer Tabletten zu Hause einnimmt, sollte uns alle anderen Medikamente nennen, auch pflanzliche Mittel, da es zu Wechselwirkungen mit der Therapie kommen kann. Wir kontrollieren regelmässig die Blutwerte und erkennen so früh, wenn etwas aus dem Gleichgewicht gerät.
Was hilft gegen die seelische Belastung?
Holenstein: Darüber zu sprechen, ist ganz wichtig. Die Ängste auszusprechen, sie gemeinsam anzuschauen und nicht alles mit sich allein auszumachen, kann bereits sehr entlastend sein. Zusätzliche Unterstützung gibt es etwa bei einer Psychoonkologin oder einem Seelsorger. Man muss nicht alles alleine tragen.
Viele merken zudem, wie gut ihnen Bewegung und Zeit in der Natur tun. Und die Angehörigen sind ein wichtiger Halt: Zu wissen, dass jemand diesen Weg mitträgt, ist sehr wertvoll. Oft möchten sie auch ganz praktisch helfen, etwa mit Fahrdiensten, beim Einkaufen oder Kochen. Das entlastet die Betroffenen und gibt den Angehörigen das Gefühl, unterstützen zu können. Denn Nebenwirkungen und Ängste können sie nur bedingt mittragen.
Sie begleiten Lungenkrebsbetroffene seit vielen Jahren. Wie erleben Sie, dass sich ihre Situation verändert hat?
Holenstein: Die Situation hat sich grundlegend verändert. Früher prägten Ohnmacht und eine sehr begrenzte Lebenserwartung den Alltag, bei fortgeschrittenem Lungenkrebs blieben oft nur wenige Monate. Heute wird Lungenkrebs immer öfter zu einer chronischen, behandelbaren Krankheit.
Dank neuer Therapien wie der Immuntherapie begleiten wir viele Menschen über Jahre. Manche arbeiten während der Therapie weiter, reisen oder treiben Sport. Wer heute mit einer Therapie beginnt, darf deshalb mit Hoffnung starten.
Fragen, die du vor dem Therapiestart stellen kannst:
- Welches Ziel hat meine Therapie?
- Wie und wie oft erhalte ich die Therapie, und wie lange dauert sie?
- Welche Nebenwirkungen sind häufig, und was kann ich selbst dagegen tun?
- Darf ich meine bisherigen Medikamente weiter einnehmen?
- Bei welchen Beschwerden muss ich mich sofort melden, und bei wem, auch nachts und am Wochenende?
Melde dich sofort bei
- Fieber ab 38 Grad oder anderen Anzeichen einer Infektion wie Schüttelfrost oder Halsschmerzen
- anhaltendem Durchfall oder Erbrechen
- neuer oder stärkerer Atemnot
Datum: 22.10.2026
Amgen setzt sich seit über 40 Jahren dafür ein, neue Therapien gegen Krebs zu entwickeln. Mit Hilfe modernster Biotechnologie arbeitet das Unternehmen daran, die Behandlung und Lebensqua-lität von Krebsbetroffenen laufend zu verbessern.