Metastasierter Lungenkrebs – was heute möglich ist
Innerhalb von zehn Jahren haben bedeutende Fortschritte die Behandlung beim metastasierten Lungenkrebs von Grund auf verändert. Welche Therapien stehen heute zur Verfügung und welche Perspektiven eröffnen sie? Ein Überblick mit Prof. Solange Peters – mit praktischen Ratschlägen für Betroffene und ihre Angehörigen.
Prof. Solange Peters erklärt
Prof. Peters, das Stadium IV wird auch als metastasiertes Stadium bezeichnet – was bedeutet das?
Prof. Dr. med. Solange Peters: Von einem metastasierten Krebs spricht man, wenn Krebszellen in die Blutgefässe gelangen, sich im Körper ausbreiten und ein anderes Organ besiedeln – häufig die Leber, das Gehirn, die Knochen oder den anderen Lungenflügel –, um dort neue Tumore zu bilden. Man spricht dann von sekundären Läsionen; biologisch handelt es sich aber nach wie vor um denselben Lungenkrebs.
Vor über zehn Jahren liess die Diagnose eines metastasierten Lungenkrebses kaum Perspektiven zu. Wie sieht das heute aus?
Peters: Anfang der 2000er-Jahre ermöglichten die Chemotherapien im Stadium IV zwar ein Überleben von mehreren Monaten, jedoch ohne jede Behandlungspause und ohne Aussicht auf Heilung.
Seither haben zwei bedeutende Fortschritte die Behandlung des Lungenkrebses grundlegend verändert: die molekular zielgerichtete Therapie und die Immuntherapie. Mit ihnen lassen sich Behandlungen anbieten, die besser auf jeden Tumortyp abgestimmt und individuell zugeschnitten sind.
Manche Menschen profitieren auch mit einem metastasierten Krebs lange von der Therapie – manche erreichen unter Immuntherapie sogar eine anhaltende Remission ihrer Erkrankung. Das betrifft zwar nicht die Mehrheit, doch anders als damals ist es kein unausweichliches Todesurteil mehr.
Welche Nebenwirkungen haben diese Therapien?
Peters: Beim Lungenkrebs werden diese innovativen Therapien – mit Ausnahme der Chemotherapie, deren Nebenwirkungsprofil gut bekannt ist – relativ gut vertragen. Die Nebenwirkungen der Immuntherapie sind autoimmuner Natur (Müdigkeit, Durchfall, Juckreiz, Hautausschlag oder endokrine Störungen).
Die molekularen Therapien wiederum sind zunehmend gezielt auf die krebsspezifische Mutation ausgerichtet und haben dadurch weniger oder nur geringe Nebenwirkungen.
Ist es denkbar für Betroffene, wieder zum gewohnten Lebensrhythmus und in den Beruf zurückzufinden?
Peters: Ja, sofern man gut auf die Behandlung anspricht. Natürlich gibt es weiterhin Erkrankungen, die sehr weit fortgeschritten, sehr aggressiv oder ausgedehnt sind und bei denen die verfügbaren Therapien nicht ausreichen. Auf diese Fälle muss sich die Wissenschaft konzentrieren.
Zeigt sich jedoch bei der ersten oder zweiten CT-Kontrolle ein gutes Ansprechen auf die Behandlung, eröffnet sich eine ganz andere Perspektive, die einen weiteren Blick nach vorne erlaubt.
Wenn die Erkrankung nicht geheilt werden kann – wann verzichtet man auf eine weitere Behandlung?
Peters: Wir wägen laufend den erwarteten Nutzen einer Behandlung gegen das ab, was sie die betroffene Person kostet – an Nebenwirkungen, Erschöpfung, Spitalaufenthalten oder schlicht an Lebenszeit. Wenn die Nebenwirkungen einer Therapie in keinem Verhältnis mehr zum realistischerweise zu erwartenden Nutzen stehen, muss man sie hinterfragen können.
Diese Abwägung fällt bei jedem Menschen anders aus: Sie hängt von der Erkrankung ab, aber auch von den Symptomen, vom Allgemeinzustand, von den Prioritäten und davon, was für die Person in diesem Moment ihres Lebens zählt.
Das Umfeld kann angesichts der Diagnose ratlos sein – was raten Sie den Angehörigen?
Peters: Den Angehörigen empfehle ich, auf Ratschläge und die oft gehörte Kämpfer-Rhetorik zu verzichten. Ich lade sie ein, eher eine begleitende Haltung einzunehmen, die Raum lässt für Zuhören, für Präsenz und für Fragen – mit dem Ziel zu verstehen, wie die betroffene Person ihre Erkrankung sieht und welche Kraftquellen sie für sich erkennt.
Wer an Krebs erkrankt, verliert Freundinnen und Freunde. Manche sind angesichts der Realität des Gegenübers hilflos und versuchen, ihr auszuweichen. Krebs im Allgemeinen, Lungenkrebs aber im Besonderen, ist in unserer Gesellschaft noch immer stark stigmatisiert. Die Vorstellung, die betroffene Person sei selbst schuld, ist weit verbreitet. Das ist jedoch absolut inakzeptabel, denn meist ist es vor allem eine Frage des Pechs und es gibt keinerlei Grund, sich für eine Krebserkrankung schuldig zu fühlen.
Diese Stigmatisierung zeigt sich auch am sogenannten Recht auf Vergessen, das es in der Schweiz nicht gibt: In den Augen der Versicherungen (Lebens-, Zusatz- und Erwerbsausfallversicherung) bleibt man ein Leben lang krebskrank.
Es ist entscheidend, diese Krankheit zu entstigmatisieren, denn bei jedem Krebs sind alle Szenarien offen.
Mit welchen Mitteln lässt sich Isolation vermeiden und das soziale Leben ausbauen?
Peters: Im Kanton Waadt bietet zum Beispiel der Verein OSE Thérapies krebsbetroffenen Menschen ergänzende Ansätze an – Tanz, Sport, Sophrologie, kreatives Tagebuch und vieles mehr. Diese Begegnungsorte ermöglichen es, Menschen mit ganz unterschiedlichen Lebenswegen kennenzulernen, deren Geschichten wie ein Spiegel dessen wirken, was wir gerade durchmachen, oder die uns andere Wege aufzeigen, mit der Krankheit zu leben.
Es entstehen starke Freundschaften, die manchmal generationenübergreifend sind. Solche besonderen Orte können sich als grosse Bereicherung erweisen und dazu beitragen, dem sozialen Leben wieder einen zentralen Platz einzuräumen.
Was raten Sie, um nach der Diagnose das eigene Leben wieder selbst in die Hand zu nehmen?
Peters: Wenn der Schock und die Phase der Anpassung, die einige Monate dauern kann, überstanden sind, empfehle ich, aktiv an der eigenen Behandlung teilzuhaben. Dazu gehört, die Nebenwirkungen zu verstehen und die Freiheit zu nutzen, die behandelnde Ärztin oder den behandelnden Arzt zu allem zu befragen, was einen beschäftigt (Phytotherapie, Zucker und Ernährung, alternative oder ergänzende Behandlungen usw.).
Ebenso wesentlich ist es, das eigene Leben grundlegend neu zu denken, die Tätigkeiten zu erkennen, die einem persönlich Sinn geben, und vor allem jene Bezugsperson oder Bezugspersonen zu erkennen, auf die man zählen kann.
Es lohnt sich, diesen Weg bewusst zu gehen und das eigene Leben neu zu entwerfen, so wie es heute zu einem passt – auch wenn dieses Bild mal schöner, mal weniger schön ausfällt. Das braucht Zeit, aber ich versichere Ihnen: Es ist möglich.
Datum: 29.09.2026