Nahrungsergänzungsmittel Krebs was ist sinnvoll
Für alle
Wissen

«Wirklich wirksam ist, was wir täglich leben»

Nahrungsergänzungsmittel bei Krebs Daniela Weiler

Dr. med. Daniela Weiler
Leitende Ärztin medizinische Onkologie LUKS
Ernährungsmedizinerin DAEM/DGEM

Nahrungsergänzungsmittel werden von Krebsbetroffenen häufig als Möglichkeit gesehen, die eigene Gesundheit zusätzlich zu unterstützen. Doch ihr Nutzen wird oft überschätzt, während mögliche Risiken und Grenzen zu wenig bekannt sind.

Der Wunsch vieler Krebsbetroffener, aktiv etwas zur eigenen Gesundheit beizutragen, ist verständlich und aus meiner Sicht wertvoll. Viele Betroffene erhoffen sich, mit Nahrungsergänzungsmitteln einem Rückfall vorzubeugen. So verständlich dieser Wunsch nach zusätzlicher Sicherheit ist, so wichtig ist es, hier realistisch zu bleiben. Denn für die meisten Präparate gibt es keine überzeugende wissenschaftliche Evidenz für einen Nutzen in der Krebsbehandlung oder Krebsnachsorge. Nahrungsergänzungsmittel sind konzentrierte Produkte mit Vitaminen, Mineralstoffen, Fettsäuren oder Pflanzenstoffen zur Ergänzung der Ernährung. Sie sind jedoch keine Medikamente. Entscheidend ist dabei die rechtliche Einordnung. Nahrungsergänzungsmittel unterliegen nicht dem Heilmittelgesetz.

Das bedeutet, sie müssen keine Wirksamkeit in klinischen Studien nachweisen und werden – anders als Medikamente – nicht systematisch auf Nutzen oder mögliche Langzeittoxizität geprüft. Entsprechend dürfen auch keine Heils- oder Wirksamkeitsversprechen gemacht werden. Es ist wichtig, dass Patientinnen und Patienten sich dieser Unterschiede bewusst sind, um realistisch einschätzen zu können, was diese Produkte leisten können und was nicht.

Problematisch wird es, wenn dieser Wunsch, selbst etwas beizutragen, in eine unkritische oder eigenständige Einnahme von Präparaten mündet. Denn auch Nahrungsergänzungsmittel sind nicht frei von Risiken. Gerade während einer Krebstherapie ist Vorsicht geboten, da gewisse Substanzen mit Behandlungen interagieren können. Ein klassisches Beispiel sind hochdosierte Antioxidantien wie Vitamin C, Vitamin E oder Beta-Carotin. Bestimmte Therapien, insbesondere Chemotherapien und Bestrahlungen, wirken unter anderem über oxidativen Stress auf Tumorzellen. Antioxidantien könnten diesen Effekt abschwächen. Auch pflanzliche Präparate wie Johanniskraut oder Curcumin können den Abbau von Medikamenten in der Leber beeinflussen und so deren Wirkung verändern. Deshalb ist es entscheidend, Nahrungsergänzungsmittel während einer Krebsbehandlung nicht in Eigenregie einzunehmen, sondern immer im Austausch mit dem Behandlungsteam.

Deshalb ist es entscheidend, Nahrungsergänzungsmittel während einer Krebsbehandlung nicht in Eigenregie einzunehmen, sondern immer im Austausch mit dem Behandlungsteam.

Dr. med. Daniela Weiler

Diese Offenheit ist zentral. Viele Patientinnen und Patienten sprechen das Thema gar nicht an, weil sie davon ausgehen, dass Nahrungsergänzungsmittel harmlos sind oder keine Rolle spielen. Aus medizinischer Sicht sind sie jedoch durchaus relevant. Ich ermutige dazu, das Gespräch aktiv zu suchen und zu fragen: Was kann ich selbst zu meiner Gesundheit beitragen und was ist in meiner individuellen Situation sinnvoll? So lässt sich gemeinsam eine sichere und individuelle Strategie entwickeln.

Eine gezielte Supplementierung kann sinnvoll sein, wenn ein nachgewiesener Mangel besteht oder ein erhöhtes Risiko dafür vorliegt. Vitamin D ist ein gutes Beispiel, weil ein Mangel häufig ist und sich negativ auf Knochen, Muskelfunktion und Immunsystem auswirken kann. In solchen Fällen kann eine Ergänzung empfehlenswert sein, allerdings nicht als Krebstherapie, sondern zur Unterstützung der allgemeinen Gesundheit. Auch Omega-3-Fettsäuren können in bestimmten Situationen eine Rolle spielen, etwa bei Mangelernährung oder entzündlichen Prozessen. Massgebend ist jedoch immer die individuelle Beurteilung und nicht die routinemässige Einnahme aus reiner Vorsicht.

Nahrungsergänzungsmittel Krebs

Noch entscheidender und motivierender ist es, selbst aktiv Einfluss auf die eigene Gesundheit zu nehmen und gesundheitsfördernde Lebensgewohnheiten zu entwickeln. Der grösste Hebel liegt im Lebensstil. Eine ausgewogene, pflanzenbetonte Ernährung, regelmässige Bewegung, ein gesundes Körpergewicht, der Verzicht auf Rauchen und idealerweise auch auf Alkohol gehören zu den Faktoren mit der besten Datenlage in der Krebsprävention und Nachsorge.

Besonders wichtig finde ich das Erleben dahinter. Diese Massnahmen geben ein Gefühl von Selbstwirksamkeit zurück. Viele Menschen spüren, dass sie aktiv etwas für ihre Gesundheit tun und stärker, beweglicher und energiegeladener werden. Der Markt für Nahrungsergänzungsmittel ist gross und wenig reguliert. Umso wichtiger ist ein kritischer Blick. Vorsicht ist geboten bei Produkten, die grosse Versprechen machen oder mit Begriffen werben, die mehr suggerieren, als sich belegen lässt. Seriöse Produkte zeichnen sich durch transparente Inhaltsangaben, nachvollziehbare Dosierungen und realistische Aussagen aus. Grundsätzlich gilt: Was zu gut klingt, um wahr zu sein, ist es meist auch nicht.

Meine wichtigste Botschaft ist deshalb, den Wunsch, einen Beitrag zur eigenen Gesundheit zu leisten, ernst zu nehmen und ihn auf das zu richten, was wirklich wirkt. Ein gesunder Lebensstil ist kein Verzicht, sondern eine Form von Selbstfürsorge und Selbstbestimmung. Nahrungsergänzungsmittel können in bestimmten Situationen sinnvoll sein, aber sie ersetzen keine fundierte medizinische Behandlung und keinen gesunden Alltag. Der entscheidende Unterschied entsteht durch das, was wir jeden Tag tun und leben – nicht durch das, was wir zusätzlich einnehmen.

Text: Daniela Weiler / Catherina Bernaschina
Datum: 28.09.2026