Krebs und Partnerschaft
Für alle
Kommunikation

Wie eine Krebs­erkrankung die Partner­schaft verändert

Eine Krebserkrankung trifft nie nur einen Menschen. Auch für die Partnerschaft beginnt mit der Diagnose eine Ausnahmesituation: Rollen verändern sich, Gespräche werden schwieriger, Nähe bekommt eine neue Be deutung. Psychoonkologin PD Dr. Corinne Urech vom Universitätsspital Basel erklärt, was Paaren helfen kann, miteinander verbunden zu bleiben.

Krebs und Partnerschaft Expertin Corinne Urech

PD Dr. phil. Corinne Urech
Leitende Psychologin
Universitätsspital Basel

Wenn sich Rollen in einer Partnerschaft verändern

Tritt in einer Partnerschaft eine Krebsdiagnose auf, müssen Paare oftmals ihre Beziehung neu lernen. Beide Partner müssen mit Unsicherheit, Angst und Kontrollverlust umgehen. «Eine Krebserkrankung betrifft immer das ganze Beziehungssystem», sagt Corinne Urech. Zu Beginn rücken die meisten Paare sogar enger zusammen: «Viele sind anfangs sehr zuversichtlich und sind gewillt, die Erkrankung gemeinsam anzupacken. Das ‹Wir-Gefühl› ist zu diesem Zeitpunkt oftmals sehr stark.»

Doch schon bald können sich die Rollen verschieben: «Es ist für mich immer wieder überraschend, wie schnell es in einer Partnerschaft zu Asymmetrien kommt.» Die erkrankte Person wird zur Patientin oder zum Patienten, während die Partnerin oder der Partner oftmals Termine und Alltag organisiert. «Diese Rollenverschiebung passiert häufig schleichend, kann aber prägende Auswirkungen auf die Beziehung haben», sagt Urech.

Besonders belastend ist auch die für viele Paare überraschende Erkenntnis, dass nach Abschluss der Therapie nicht automatisch wieder der Normalzustand zurückkehrt. «Diese Erwartung herrscht oft insbesondere beim gesunden Partner, der durch diese optimistische Haltung jedoch Druck bei der Patientin auslösen kann.» Für viele Partnerinnen kann es schwer nachvollziehbar sein, dass, auch wenn die Behandlung vorbei ist, die Rückkehr in einen Alltag noch weit entfernt sein kann. «Denn oftmals ziehen die Therapien Erschöpfung, Schmerzen oder andere Nebenwirkungen nach sich.»

Genau diese unterschiedlichen Perspektiven können zur Belastung werden und zu einer emotionalen Distanz führen. Die erkrankte Person fühlt sich vielleicht unverstanden, während die Partnerin das Gefühl hat, alles zu geben und trotzdem nicht helfen zu können.

«Ich glaube, Schweigen fungiert eher als Schutzmechanismus; man möchte seinen Partner schützen und hat vielleicht auch Hemmungen, gewisse Dinge anzusprechen.»

Dr. Urech

Im Gespräch bleiben

Zudem fällt es vielen Paaren schwer, im Dialog zu bleiben. «Ausgerechnet das Gespräch über die Krankheit ist für viele schwierig», sagt Urech. Hinter dem Schweigen steckt jedoch häufig keine Gleichgültigkeit oder mangelnde Liebe. «Ich glaube, Schweigen fungiert eher als Schutzmechanismus; man möchte seinen Partner schützen und hat vielleicht auch Hemmungen, gewisse Dinge anzusprechen.» Manche haben auch Angst, von den eigenen Emotionen überwältigt zu werden. «Dieses Nicht-Sprechen ist jedoch verkehrt und kann ebenfalls emotionale Distanz schaffen», so Urech.

Der erste Schritt, um wieder in einen Dialog zu treten und zueinanderzufinden, muss dabei kein grosses Gespräch sein. «Grundsätzlich sind gegenseitiges Verständnis und Verständnis für einen unterschiedlichen Umgang mit der Situation wichtig», sagt Urech. «Das bedeutet nicht, dass beide dasselbe fühlen müssen. Es bedeutet, die Gefühle des anderen ernst zu nehmen und gegenseitig – mit sich selbst und dem Partner – Mitgefühl zu haben.»

Konkret rät Urech, fein und sachte mit dem Schweigen zu brechen. Sie empfiehlt kurze, regelmässige Momente des Austauschs: den Partner beispielsweise einmal am Tag nach seinem Befinden zu fragen, ohne ihn dabei zu unterbrechen oder sofort zu beraten. Hilfreich kann auch die Frage sein: «Was brauchst du jetzt von mir – soll ich einfach zuhören oder wollen wir gemeinsam nach einer Lösung suchen?» So entsteht ein Gespräch, ohne dass Vorwürfe oder Druck im Vordergrund stehen.

Krebs und Partnerschaft

«Auch der gesunde Partner hat eine Berechtigung, sich belastet zu fühlen»

Oftmals steht die erkrankte Person verständlicherweise im Mittelpunkt. Für die Partnerin bleibt wenig Raum, obwohl auch diese Person stark belastet sein kann. Viele Partner fühlen sich verpflichtet, stark zu sein, und stellen eigene Ängste und Erschöpfung zurück. Dabei ist Selbstfürsorge gerade dann wichtig. Wer ständig über die eigenen Grenzen geht, kann irgendwann selbst nicht mehr tragen. «Deshalb dürfen Aufgaben abgegeben werden. Angehörige und Freunde können entlasten. Auch Sport, Freunde oder Zeit allein sind erlaubt. Nicht alles muss die Partnerschaft allein tragen», erklärt Urech.

 

Der Partnerschaft Raum geben

Genauso wichtig wie das Sprechen über die Erkrankung sind bewusste «krebsfreie Zeiten», wie sie Urech nennt. Nicht jede gemeinsame Minute muss sich um Krankheit, Therapie und Sorgen drehen. Auch die Intimität in einer Partnerschaft verändert sich durch eine Krebserkrankung häufig. Therapien können den Körper verändern, Erschöpfung kann Lust und Energie nehmen, und ein neues Körpergefühl kann Unsicherheit auslösen. Viele Paare sprechen darüber nicht, weil sie keinen zusätzlichen Druck erzeugen wollen. So bleibt unausgesprochen, dass Nähe fehlt oder sich verändert hat. Dabei kann es entlastend sein, offen zu fragen: «Was tut mir gut? Was möchte ich? Was möchte ich gerade nicht?»

Nähe nach einer Krebserkrankung darf sich verändern und neu entstehen. «Intimität ist viel mehr als nur Sexualität», sagt Urech. Sie könne auch bedeuten, miteinander zu kuscheln, Händchen zu halten, zu reden oder sich bewusst Zeit füreinander zu nehmen. Gerade deshalb empfiehlt Urech, der Partnerschaft bewusst wieder Raum zu geben und gemeinsame Zeit für Intimität einzuplanen. Wenn die Kommunikation jedoch dauerhaft abbricht, Konflikte sich häufen oder einer der beiden Partner unter starker Erschöpfung, Schlafstörungen oder Überforderung leidet, kann professionelle Unterstützung sinnvoll sein. Eine Krebserkrankung verändert vieles – aber sie muss nicht bedeuten, dass Nähe verloren geht. Manchmal geht es vielmehr darum, sie neu zu entdecken.

Journalistin: Paula-Sophia Wollenmann
Datum: 22.10.2026