Prostatakrebs Operation Erfahrungsbericht
Prostatakrebs
Erfahrungsbericht

Zwischen Kontroll­verlust und Neu­anfang – Erics Weg nach der Prostata­operation

Nach der Prostatakrebs-Operation war nichts mehr wie zuvor: Inkontinenz, Impotenz und der Verlust an Selbstwert stürzten Eric in eine tiefe Krise. Heute spricht er offen darüber – und will damit anderen Mut machen, Fragen zu stellen und sich Zeit für Entscheidungen zu nehmen.

Erics  Geschichte

«Zum Glück ist meine Frau eher der kuschelige Typ und Sexualität bedeutet ihr wenig – sonst hätten wir wohl ein Problem», sagt Eric. Der 73-Jährige, der aus persönlichen Gründen anonym bleiben möchte, spricht offen über Themen, die viele Männer nach einer Prostatakrebs-Operation betreffen – aber selten ausgesprochen werden: Inkontinenz, Erektionsverlust, Selbstzweifel. «Es geht letztlich um den Verlust der Männlichkeit», bringt es Eric auf den Punkt.

Im Jahr 2021 wurde bei Eric im Rahmen einer Routineuntersuchung ein erhöhter PSA-Wert festgestellt. Nachdem dieser ein halbes Jahr später weiter angestiegen war, folgten ausführlichere Abklärungen mit der Diagnose Prostatakarzinom. Eric hatte einen kleinen, langsam wachsenden Tumor, keine Ableger. «Eigentlich Glück im Unglück», sagt er. Eigentlich.

Trotz dem, dass der Tumor wenig aggressiv war, wollten die Ärzt*innen Eric umgehend operieren. Über Alternativen sei kaum gesprochen worden, erinnert sich Eric. Er habe das alles in einem Dunstschleier aus Angst und Unsicherheit wahrgenommen. «Und ich war blauäugig, fragte nicht über mögliche Spätfolgen nach und vertraute den Ärzten.» Zugleich seien da seine Frau, Familie und Freunde gewesen, die ihn zur Operation ermutigten. «Verständlich, sie hatten Angst um mich.»

Prostatakrebs Erfahrung von Eric aus der Schweiz

«Alles drehte sich darum, wo die nächste Toilette ist»

Nach der Operation war alles anders, das spürte Eric sofort: «Ich war vollständig inkontinent. Ich konnte den Harndrang nicht mehr steuern, nicht zurückhalten.» Dennoch wurde Eric nach wenigen Tagen entlassen – mit dem Hinweis, er solle sich bei der Physiotherapie melden.

«Ich war verzweifelt und fühlte mich alleingelassen. Es kam kein Nachfragen, keine Hilfe – ich wusste nicht, an wen ich mich hätte wenden sollen», erinnert sich Eric. Er nimmt Medikamente, die nur beschränkt gegen die Inkontinenz helfen, und zieht sich sozial immer mehr zurück. «Es drehte sich alles darum, wo die nächste Toilette ist, ohne Einlagen ging ich nicht mehr aus dem Haus.» Er habe sich geschämt, sich wie eingesperrt in seinem eigenen Körper gefühlt.

«Es war nicht nur der Verlust der Sexualität – es war das Gefühl, nicht mehr ganz zu sein.» 

Eric

Zurück ins Leben

Auf eigene Faust macht sich Eric auf die Suche nach einem Urologen. Und findet einen Spezialisten, der ihm «sein Leben zurückgibt», wie Eric sagt. 

Eric wird eine spezielle Prothese in die Blase eingesetzt, die den Blasenschliessmuskel unterstützt. «Die OP war schmerzhaft, aber sie war es allemal wert. Ich konnte wieder unter Menschen, Theatervorstellungen besuchen, ohne Angst. Ich habe mich wieder wie ein Mensch gefühlt.» Die OP sei psychisch eine Befreiung gewesen – ein «Zurück ins Leben».

 

Sexualität: Verlust, Träume, Resignation

Die Impotenz hingegen blieb – und mit ihr die quälenden Fragen nach Männlichkeit und Selbstwert. «Ich träume oft von Erektionen – nachts fühlt sich alles ganz normal an. Doch beim Aufwachen bleibt die Realität. Es ist, als würde mein Körper mich in diesen Träumen daran erinnern, was fehlt», sagt Eric.

Zugleich betont er, wie viel Glück er mit seiner Partnerin habe – sie ist dreissig Jahre jünger als er, legt aber wenig Wert auf Penetration. «Zärtlichkeit, Nähe – das ist ihr wichtiger als Sex. Das hat unsere Beziehung gerettet.» Er kann allerdings nachvollziehen, dass Beziehungen an der Impotenz scheitern.

Erfahrung eines Prostatakrebs Betroffenen

Auch bei ihm hinterlässt die Situation Spuren. «Es ist eine Belastung – weniger für meine Frau als für mich. Ich fühle mich oft nicht mehr attraktiv. Das nagt am Selbstwert, am Selbstbewusstsein.» Und auch die psychische Auseinandersetzung mit der veränderten Sexualität sei ein langer Prozess gewesen, geprägt von Rückschlägen und depressiven Phasen. «Es war nicht nur der Verlust der Sexualität – es war das Gefühl, nicht mehr ganz zu sein.» 

Medikamente habe er viele ausprobiert – ohne Wirkung. Eine Sexualtherapie habe er nicht in Anspruch genommen, dafür hätten er und seine Frau von Anfang an offen miteinander gesprochen. Diese Offenheit habe auch zu mehr Nähe und Verbundenheit geführt. «Wir leben heute eine andere Form von Sexualität und haben neue Wege gefunden, Nähe zu leben. Zärtlichkeiten und sexuelle Befriedigung sind ein wichtiger Teil unserer Beziehung.»

Er habe heute mit seiner Frau eine beinahe symbiotische Beziehung – «sicher ist diese neue Situation ein zusätzlicher Schub, schliesslich betrifft meine Impotenz uns beide und wir müssen gemeinsam damit umgehen.»

«Prostatakrebs wächst in den meisten Fällen langsam – man hat die Möglichkeit, durchzuatmen, sich eine Zweitmeinung einzuholen und sich gut zu überlegen, welcher Weg der richtige ist.»

Eric

Tipps an andere Betroffene

Sein wichtigster Rat? Nicht vorschnell entscheiden. «Ich hätte mir mehr Zeit und umfassendere Informationen gewünscht», sagt Eric. «Prostatakrebs wächst in den meisten Fällen langsam – man hat die Möglichkeit, durchzuatmen, sich eine Zweitmeinung einzuholen und sich gut zu überlegen, welcher Weg der richtige ist.»

Sich dabei nicht vom Umfeld unter Druck setzen zu lassen, sei entscheidend. «Am Ende ist es dein Körper – und du musst mit den Folgen leben, nicht andere.»

Was Eric sich zudem wünscht: mehr Offenheit in den Arztgesprächen, insbesondere wenn es um Nebenwirkungen wie Inkontinenz und Impotenz geht. «Diese Themen dürfen nicht abgetan werden – sie betreffen das Leben und die Identität vieler Männer in der Tiefe.»

Journalistin: Anna Birkenmeier
Datum: 03.06.2026