Krebs Reframing Psychoonkologie
Für alle
Patientenkompetenz

«Entschei­dend ist, den Blick auf das zu richten, was man bereits erreicht hat»

Viele Krebsbetroffene möchten möglichst rasch in ihr altes Leben zurück. Alexander Wünsch, Psychoonkologe am Inselspital Bern, erklärt, warum zu hohe Erwartungen zur Belastung werden können, weshalb Trauer ein wichtiger Teil der Verarbeitung ist und wie kleine Erfolge neue Zuversicht schaffen.

Krebs Reframing Psychoonkologie Experte Prof. Wünsch

Prof. Dr. phil. Alexander Wünsch
Psychoonkologischer Psychotherapeut SGPO
Leitung Psychoonkologie
Inselspital, Universitätsspital Bern

Viele Krebsbetroffene haben grosse Ziele vor Augen – wieder gesund werden, in den Alltag oder den Beruf zurückkehren. Können solche grossen Ziele zur Belastung werden?

Prof. Dr. phil. Wünsch: Grundsätzlich sind solche Ziele gut. Sie geben Orientierung und helfen, den Blick nach vorne zu richten. Dadurch verschieben sich oft auch die Prioritäten. Manche Dinge werden wichtiger als andere. Schwierig wird es, wenn Ziele zu hoch oder unrealistisch sind und man sich dadurch zu sehr unter Druck setzt. Oft merken Betroffene irgendwann, dass es so nicht mehr weitergeht. Dann kommen sie an einen wichtigen Punkt: die Trauerarbeit.

 

Trauer darüber, dass man sich von früheren Zielen verabschieden muss?

Wünsch: Ja. Es ist wichtig, sich Zeit zu nehmen, um Dinge zu betrauern, die so nicht mehr möglich sind, wie man sie sich vorgestellt hat. Erst dann entsteht Raum für neue Ziele, die realistischer und besser an die aktuelle Situation angepasst sind. Ich begleite Patientinnen und Patienten häufig in diesem Prozess und es beeindruckt mich immer wieder, wie sie neue Ziele entwickeln und dabei auch eine gewisse Gelassenheit finden.

 

Erleben Sie auch Patientinnen und Patienten, die partout nicht von ihren Zielen abrücken können?

Wünsch: Ja, die gibt es. Wer an bestimmten Zielen festhält und merkt, dass der Körper nicht mitmacht, hat es oft schwerer. Dann wird das Ziel selbst zur Belastung. Entscheidend ist, woran man sich misst. Vergleiche ich mich mit dem Sportler, der ich vor der Erkrankung war? Oder mit dem Menschen, der ich noch vor einer Woche im Krankenbett war?

«Es ist hilfreich, wenn es zumindest einen Ort oder eine Person gibt, bei der alle Gefühle Platz haben. Das kann in der Familie sein, im Freundeskreis oder im Gespräch mit einer Fachperson.»

Prof. Wünsch

Haben Sie ein Beispiel?

Wünsch: Ich denke an eine Patientin, für die das Rennvelofahren sehr wichtig war. Nach ihrer Erkrankung konnte sie mit ihrer Gruppe nicht mehr mithalten. Statt sich mit ihren früheren Leistungen zu vergleichen und darüber zu hadern, erarbeitete sie sich ein anderes Vorgehen. Zuerst setzte sie sich das Ziel, 15 Minuten auf einer flachen Strecke Velo zu fahren. Danach wählte sie eine Strecke mit einer kleinen Steigung. Später lag ihr Ziel bei 30 Minuten. Sie konzentrierte sich bewusst darauf, woher sie gekommen war. Aus dem Krankenbett. Entscheidend ist für sie, wo sie heute steht, nicht was sie vor ein oder zwei Jahren noch konnte.

 

Sie raten Betroffenen also dazu, sich kleine Ziele zu setzen?

Wünsch: Ja. Ich empfehle, den Blick auf kleine Schritte und Erfolge zu richten. Entscheidend ist, sich bewusst zu machen, was man bereits erreicht hat und nicht, was man nicht mehr kann. Dafür braucht es auch eine gewisse Nachsicht mit sich selbst.

 

Welche Übungen oder Rituale können dabei helfen?

Wünsch: Viele Übungen stammen aus dem Bereich der Achtsamkeit. Dabei geht es darum, die Aufmerksamkeit bewusst auf das Hier und Jetzt zu richten und wahrzunehmen, wie es dem eigenen Körper im Moment geht, ohne dies sofort zu bewerten. Denn sobald Gedanken wie «Ich kann das nicht mehr» oder «Früher war ich besser» überhandnehmen, gerät man schnell in eine Negativspirale. Entscheidend ist, diesen Moment zu erkennen und kurz innezuhalten, bevor man sich von solchen Gedanken mitreissen lässt. Welche Rituale helfen, ist sehr individuell. Manche führen ein Dankbarkeitstagebuch und halten fest, was an einem Tag gut gelungen ist. Andere kommen mit Atemübungen zur Ruhe, gehen regelmässig spazieren oder suchen bewusst den Austausch mit anderen Betroffenen.

Krebs Reframing Psychoonkologie

Nicht alle Krebsbetroffenen können geheilt werden. Was bedeutet «ein kleiner Erfolg», wenn Genesung kein realistisches Ziel mehr ist?

Wünsch: Die Grundidee bleibt dieselbe. Die Ziele müssen aber noch stärker an die Situation angepasst werden. Gerade dann ist es wichtig, der Trauer Raum zu geben. Trauer darüber, dass sich das Leben anders entwickelt hat als erhofft und dass manche Wünsche unerfüllt bleiben.

Gleichzeitig können andere Dinge an Bedeutung gewinnen. Nicht mehr die Frage, was man noch leisten oder erreichen muss, steht im Vordergrund. Sondern was einem guttut. Zeit mit der Familie oder guten Freunden, ein schöner Moment im Alltag oder ein Tag mit weniger Beschwerden.

 

Welche Rolle spielt dabei das Umfeld?

Wünsch: Ideal ist es, wenn im Umfeld sowohl Zuversicht als auch Traurigkeit Platz haben. In der Realität ist das aber oft nicht so einfach. Viele Angehörige haben Mühe, die Traurigkeit auszuhalten. Sie möchten Mut machen und betonen deshalb vor allem das Positive. Das ist gut gemeint, kann aber dazu führen, dass Betroffene das Gefühl haben, ihre Ängste oder ihre Trauer nicht zeigen zu dürfen.

Deshalb ist es hilfreich, wenn es zumindest einen Ort oder eine Person gibt, bei der alle Gefühle Platz haben. Das kann in der Familie sein, im Freundeskreis oder im Gespräch mit einer Fachperson.

 

Wie kann professionelle psychoonkologische Unterstützung dabei helfen?

Wünsch: In der Psychoonkologie schaffen wir einen Raum, in dem alle Gefühle Platz haben. Hoffnung genauso wie Trauer, Angst oder Verzweiflung. Gleichzeitig schauen wir gemeinsam nach vorne. Welche Ziele sind noch realistisch? Was gibt Kraft? Wie lässt sich der Alltag an die neue Situation anpassen?

Wenn zusätzlich Ängste oder Depressionen auftreten, arbeiten wir mit gezielten psychotherapeutischen Methoden. Gleichzeitig stossen auch wir an Grenzen. Wir können die Krebserkrankung nicht ungeschehen machen und wir können nicht alle Unsicherheiten beseitigen. Wir können Betroffene aber dabei unterstützen, mit dieser Unsicherheit zu leben und trotz der Erkrankung möglichst viel Lebensqualität zu erhalten.

Journalistin: Anna Birkenmeier
Datum: 22.10.2026