Schuldgefühle bei Krebs und subjektiven Krankheitstheorien
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Patientenkompetenz

Schuldgefühle bei Krebs: «Es ist schwer auszuhalten, dass manche Ereignisse unerklärlich sind»

Psychoonkologin Roduner

Angelika Roduner
Leiterin Psychoonkologie
Kantonsspital Winterthur

Viele Krebsbetroffene fühlen sich schuldig oder entwickeln eigene Vorstellungen darüber, warum sie erkrankt sind. Solche Schuldgefühle und subjektiven Krankheitstheorien können zusätzlich belasten und den Umgang mit der Behandlung erschweren. Angelika Roduner ist Leiterin der Psychoonkologie am Kantonsspital Winterthur.

Im  Gespräch  mit  Angelika  Roduner

Frau Roduner, viele Krebsbetroffene berichten von Schuldgefühlen. Warum tauchen solche Gefühle überhaupt auf?

Angelika Roduner: Schuldgefühle entstehen oft, weil Betroffene ihre Erkrankung mit eigenen Lebensentscheidungen verknüpfen, zum Beispiel Rauchen, ungesunder Ernährung oder verpassten Vorsorgeuntersuchungen. Ausserdem kommen häufig Gefühle hinzu, die das Umfeld betreffen: Viele denken: «Jetzt müssen sich alle um mich kümmern, ich falle zur Last, meine Liebsten haben Sorgen wegen mir.»

 

Und die Angehörigen haben Schuldgefühle, weil sie nicht recht wissen, wie sie helfen können?

Roduner: Ja, auch Angehörige können Schuldgefühle entwickeln. Sie fragen sich oft, ob sie genug tun und ob sie richtig helfen. Manchmal fühlen sie sich hilflos, wenn sie die Sorgen und Ängste der Betroffenen nicht lindern können. Wichtig ist, dass Betroffene und Angehörige offen über ihre Gefühle sprechen, damit sich beide Seiten entlasten können.

sich schuldig fühlen bei Krebs und Krebserkrankung

Gibt es bestimmte Arten von Schuldgefühlen, die besonders häufig vorkommen?

Roduner: Ja, wir sehen mehrere Muster. Manche Betroffene machen ihren Lebensstil verantwortlich, andere glauben, psychische Faktoren oder Stress hätten die Erkrankung ausgelöst. Wieder andere verbinden es mit einer Art «Karma» und denken, dass sie etwas falsch gemacht haben und der Krebs nun eine Konsequenz davon ist.

 

Kommen Schuldgefühle eher aus der eigenen Wahrnehmung oder auch durch das Umfeld?

Roduner: Meistens entstehen sie aus der eigenen Wahrnehmung. Aber auch Kommentare aus dem Umfeld können Schuldgefühle verstärken. Beispielsweise können Fragen nach dem Rauchverhalten bei Lungenkrebs patienten oder auch Fragen nach der Einhaltung von Vorsorgeuntersuchungen bei gynäkologischen Patientinnen zu Schuldgefühlen führen.

 

Wie können Betroffene lernen, mit diesen Schuldgefühlen umzugehen?

Roduner: Ein erster Schritt ist, die Gefühle anzuerkennen, statt sie zu verdrängen. Es kann helfen, die Gedanken bewusst zu reflektieren und sich klarzumachen, dass viele Faktoren zur Entstehung von Krebs beitragen können.

«Vieles liegt nicht in unserer Kontrolle.»

Angelika Roduner

Welche Strategien oder Unterstützungsmöglichkeiten gibt es konkret?

Roduner: Als erstes gilt es, sich bewusst zu machen, dass belastende Gedanken nur Gedanken sind. Statt sich selbst zu sagen: «Ich bin schuld an meinem Krebs», kann man innerlich formulieren: «Ich habe gerade den Gedanken, dass ich schuld an meinem Krebs bin.» Diese Distanzierung hilft, sich nicht mit negativen Gedanken zu identifizieren.

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist ein wohlwollender und nachsichtiger Um-gang mit sich selbst. Fragen Sie sich: « Würde ich bei einer nahestehenden Person ebenso streng urteilen? »

 

In diesem Zusammenhang hört man oft den Begriff der «subjektiven Krankheitstheorien». Was versteht man darunter und wie entsteh t sie?

Roduner: Subjektive Krankheitstheorien sind persönliche Vorstellungen darüber, warum man krank geworden ist und wie sich die Krankheit möglicherweise beeinflussen lässt. Dahinter steckt der menschliche Wunsch nach Erklärung und Kontrolle – es ist schwer auszuhalten, dass manche Ereignisse unerklärlich sind und wir sie nicht beeinflussen können. Solche Theorien können manch-mal hilfreich sein, zum Beispiel: «Ich hatte viel Stress, daher achte ich jetzt mehr auf mich.»

Problematisch wird es, wenn die Vorstellungen stark mit Schuldgefühlen verbunden sind oder unrealistische Erwartungen wecken, etwa der Gedanke, dass Stressreduktion oder positives Denken den Krebs heilen könnte. Wichtig ist, diese Gedanken ernst zu nehmen, aber gleichzeitig realistisch einzuordnen.

sich schuldig fühlen wegen einer Krebsdiagnose

Wie wirken sich Schuldgefühle und subjektive Vorstellungen tatsächlich auf die Behandlung und Genesung aus?

Roduner: Positive Gedanken und Strategien können helfen, Ressourcen freizusetzen und den Alltag mit der Krankheit leichter zu gestalten. Starke Schuldgefühle hingegen belasten die Lebensqualität. Wer merkt, dass Schuldgefühle oder das ständige Grübeln den Alltag und die Emotionen dominieren, sollte das Gespräch mit Fachpersonen suchen.

 

Welchen Rat würden Sie Betroffenen geben, die unter starken Schuldgefühlen leiden?

Roduner: Suchen Sie das Gespräch – sowohl mit Ihrem Umfeld als auch mit Fachpersonen. Es geht nicht darum, Schuldgefühle einfach wegzuerklären, sondern sich mit den eigenen Überzeugungen auseinanderzusetzen und sich selbst Nachsicht zu schenken.

Professionelle Unterstützung, zum Beispiel durch Psychoonkologinnen und Psychoonkologen, kann helfen, Gedanken zu sortieren und praktische Strategien für den Alltag zu entwickeln. Auch Gespräche mit Angehörigen oder Freundinnen und Freunden sind wertvoll: Offenes Sprechen über Gefühle entlastet oft beide Seiten. Zusätzlich können kleine Rituale, Hobbys oder Aktivitäten, die Freude bereiten, den Blick wieder auf positive Aspekte lenken.

Anna Birkenmeier
Datum: 28.04.2026