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Speiseröhren­krebs: «An der Chance auf Heilung habe ich mich festgehalten»

Die Diagnose Speiseröhrenkrebs trifft Rolf kurz vor seiner Pensionierung. Nach Krebstherapie, Operation und Rehabilitation gilt der heute 70- Jährige als geheilt

«Mir geht es sehr gut. Ich bin seit der Operation krebsfrei und habe das grösste Rückfallrisiko überstanden», sagt Rolf gleich zu Beginn unseres Gesprächs. Einen Moment später fügt er hinzu: «Damit hätte ich am Anfang nicht gerechnet. Speiseröhrenkrebs verband ich immer mit einer sehr schlechten Prognose.»

Als im Herbst 2023 plötzlich Schluckbeschwerden auftreten, denkt der damals 67-Jährige zunächst nicht an etwas Ernstes. Rolf steht noch im Berufsleben, fährt viel Velo, ist sportlich und fühlt sich topfit. «Das wird schon wieder», sagt er sich und wartet erst einmal ab. Doch die Beschwerden werden stärker – und bald kommt etwas hinzu, das ihn stutzig macht: Er verliert Gewicht. «Ich, der eigentlich immer aufs Gewicht achten musste.» Eine Magenspiegelung bringt schliesslich Gewissheit: Speiseröhrenkrebs am Übergang zum Magen.

 

Chance auf Heilung

«Das war eine Katastrophe», erinnert sich Rolf. «Ich bin ein lebenslustiger Mensch. Und ausgerechnet kurz vor meiner Pensionierung, als ich mich darauf freute, das Leben endlich richtig zu geniessen, kam dieser Schlag.»

Festgehalten habe er sich damals an einem Satz seiner behandelnden Ärzte: «Sie haben eine Chance auf Heilung.» Viel Zeit, mit seinem Schicksal zu hadern, blieb ohnehin nicht. «Ich kam ziemlich schnell in die Mühlen der Medizin», sagt Rolf. «Und ich sah auch die positive Seite: Man kann etwas gegen den Krebs machen; also packte ich es an.»

Der Therapieplan sah zunächst eine sogenannte neoadjuvante Therapie zur Verkleinerung des Tumors vor, danach die Operation und anschliessend eine adjuvante Therapie, um möglicherweise verbliebene Krebszellen zu zerstören und Rückfälle zu verhindern. Begleitend zu diesem Plan erfolgte eine Prähabilitation und Rehabilitation. «Zum Glück wusste ich damals nicht, was für ein Weg vor mir lag», sagt er rückblickend. «Der Vergleich mit einer strengen Velotour von Pass zu Pass, mit all ihren Anstrengungen, ist nichts dagegen.»

Prähabilitation & Rehabilitation

Unter Prähabilitation versteht man Massnahmen, die Patientinnen und Patienten bereits vor einer Operation oder einer belastenden Krebstherapie unterstützen sollen. Ziel ist es, den Körper und die Psyche möglichst gut auf die bevorstehende Behandlung vorzubereiten – etwa durch gezielte Bewegung, Ernährungsberatung oder oder psychologische Unterstützung.

Die Rehabilitation setzt nach der Operation oder Therapie an. Sie hilft Betroffenen, sich körperlich und psychisch von den Belastungen der Behandlung zu erholen, ihre Kräfte wieder aufzubauen und Schritt für Schritt in den Alltag zurückzufinden. Solche Programme werden in einzelnen Spitälern strukturiert angeboten. Gleichzeitig ergreifen viele Patientinnen und Patienten auch eigene Initiativen, etwa durch regelmässige Bewegung, angepasste Ernährung oder Aktivitäten, die ihnen mental Kraft geben.

«Ich habe mich voll auf die Ärzte verlassen»

Am Kantonsspital Glarus bei Dr. Alexander Meisel fühlte er sich von Beginn an gut aufgehoben und verzichtete bewusst auf Eigenrecherchen im Internet: «Ich wollte mich nicht zusätzlich verunsichern lassen und verliess mich einfach auf meine Ärzte.»

An das erste Gespräch über die Therapie erinnert er sich nur noch vage. «Ich war nicht wirklich aufnahmefähig, war in meinem eigenen Film». Die Worte der Ärzte seien für ihn damals sehr komplex gewesen, «vor allem, wenn man mental nicht auf der Höhe ist», ergänzt er. Am Ende sagte Rolf den Ärzten: «Macht, was ihr für richtig haltet. Hauptsache, ich werde wieder gesund.»

 

Behandlung zeigt Wirkung

Was ihn am Anfang besonders motivierte: Die Behandlung zeigte schnell Wirkung. «Nach der ersten Infusion waren die Schluckbeschwerden praktisch weg. Diese spürbare Verbesserung hat mir enormen Auftrieb gegeben.» Rolf konnte wieder normal essen, nahm an Gewicht zu und vertrug die Therapie insgesamt gut. In seinem anfänglichen Optimismus fragte er die Ärzte sogar, ob man vielleicht auf die Operation verzichten könne, weil der Tumor in der Magenspiegelung bereits nicht mehr nachweisbar war. Doch diese rieten ihm klar davon ab: Das Rückfallrisiko wäre zu gross gewesen.

 

Erfolgreiche Operation, kräftezehrende Chemotherapie

Die Operation in der Hirslanden Klinik Zürich bei Prof. Paul Schneider verlief schliesslich sehr gut. «Ich war erstaunlich schnell wieder auf den Beinen», erinnert sich Rolf. Nach zwei Wochen konnte er bereits in die Rehabilitation wechseln.

Weil ihm ein Teil des Magens entfernt worden war, konnte er zunächst keine feste Nahrung zu sich nehmen und musste künstlich ernährt werden. Schritt für Schritt tastete er sich danach wieder ans Essen heran: zuerst mit flüssiger Nahrung, später mit Brei. Mithilfe einer Ernährungsberatung lernte er schliesslich, mit der neuen Situation umzugehen und seine Ernährung entsprechend anzupassen.

Da sein Magen heute deutlich kleiner ist als früher, kann er nur noch kleine Portionen essen. «Über die Stränge schlagen darf ich eigentlich nicht mehr, da rebelliert mein Magen sofort. Aber manchmal schmeckt es halt doch zu gut», sagt er lachend. Über ein Jahr lang wurde er zusätzlich über die Venen künstlich ernährt, weil er nicht genügend Kalorien aufnehmen konnte.

«Man muss die Situation annehmen und sich damit auseinandersetzen. Hadern bringt nichts.»

Rolf

Kraftquellen: Seine Frau, Hobbys, Musik

Richtig zugesetzt und alles abverlangt hat ihm die an die Operation anschliessende adjuvante Therapie. «Da war ich wirklich völlig erschöpft und kam an meine Grenzen.» Die letzte Chemotherapie brach er schliesslich ab. «Ich konnte einfach nicht mehr.»

Psychisch half ihm in dieser schwierigen Zeit vor allem die Unterstützung seiner Frau. Auch seine Hobbys gaben ihm Halt. Rolf macht seit vielen Jahren Musik und widmete sich während der Krankheit wieder intensiver diesem Ausgleich. Wann immer es möglich war, versuchte er zudem in Bewegung zu bleiben. Spaziergänge in seinen geliebten Glarner Bergen «direkt vor meiner Haustüre», wie Rolf betont, oder kleinere Velotouren halfen ihm, neue Energie zu schöpfen und zu spüren, dass sein Körper funktioniert. Bei der adjuvanten Therapie sei das allerdings kaum mehr möglich gewesen, «da war ich einfach zu schwach».

 

Es hat sich gelohnt

Die Strapazen haben sich gelohnt: Rolf gilt heute als geheilt. Gleichzeitig habe ihn die Krankheit gelehrt, gelassener zu werden und auch dem Tod Raum zu geben. «Das habe ich früher immer verdrängt. Plötzlich musste ich mich damit auseinandersetzen. Irgendwann akzeptiert man: Es kommt, wie es kommt.»

Wenn er anderen Betroffenen einen Rat geben dürfte, wäre es dieser: «Man muss die Situation annehmen und sich damit auseinandersetzen. Hadern bringt nichts.» Und noch etwas sei wichtig: «Das, was man gerne macht, sollte man unbedingt weiter tun.»

Journalistin: Anna Birkenmeier
Datum: 27.04.2026