Lungenkrebs Schuldgefühle Stigma: Ein Mann steht auf einem Fels
Lungenkrebs
Expertenbericht

Scham­gefühle bei Lungen­krebs – das darf nicht sein

Lungenkrebs Schuldgefühle Stigma Experte Sebastian Euler

PD Dr. med. Sebastian Euler
Stv. Klinikdirektor
Klinik für Konsiliarpsychiatrie und Psychosomatik
Universitätsspital Zürich

Über 90 Prozent der Patient*innen mit Lungenkrebs erleben Schuldzuweisungen beziehungsweise Stigmatisierungen oder fühlen sich selbst schuldig. Rund die Hälfte empfinden die Stigmatisierung durch Gesundheitspersonal und Fachleute. Das kann geändert werden, wie ein Gespräch mit dem Psychiater und Psychoonkologen PD Dr. med. Sebastian Euler zeigt.

Dr. Euler, warum ist Lungenkrebs ein Stigma?

Euler: Lungenkrebs kann definitiv als Stigma gelten. Denn die Erkrankung wird sowohl in der Bevölkerung wie auch in der Familie und dem Umfeld von Lungenkrebskranken schnell mit Rauchen und damit Selbstverantwortung assoziiert. Diese Zuschreibung der Verantwortung durch andere ist gut durch Studien belegt. Das daraus resultierende Verhalten wird von den Erkrankten als belastend wahrgenommen. Die Fachsprache bezeichnet dies als «erlebtes Stigma».

 

Wie verläuft diese Zuschreibung von Schuld durch das Umfeld von Erkrankten?

Euler: Der Mensch neigt generell zu einfachen Erklärungen in Bezug auf Ursache und Wirkung. Dabei spielt das Sündenbock-Motiv eine grosse Rolle. Einfache Schuldzuschreibungen dienen nicht selten der eigenen Entlastung von Schuldgefühlen. So macht es niemandem Mühe zu denken, dass ein Raucher selbst schuld sei, wenn er Lungenkrebs bekommt. Doch keinem würde es einfallen, sich beim Skifahren die Schuld für die Folgen eines Ski-Unfalls zuzuschreiben, nur weil er auf die Piste gegangen ist. Dabei erfolgen diese Schuldzuschreibungen beim Lungenkrebs häufig unbewusst…

 

Auch nonverbal?

Euler: …das ist ein guter Hinweis. Auf der bewussten Ebene will man Betroffene nicht belasten, doch unbewusst und nonverbal kann dies durch die Kommunikation durchaus geschehen.

Lungenkrebs Schuldgefühle Stigma: Ein Mann steht auf einem Fels

Wie äussert sich diese Stigmatisierung bei den Betroffenen?

Euler: Die Erkrankten fühlen sich dadurch oftmals sehr schlecht. Gerade weil dort häufig schon eine gewisse Resonanz oder Empfänglichkeit für Schuldzuschreibungen vorhanden ist. Wir können das bei uns selbst nachvollziehen. Haben wir selbst das Gefühl, einen Fehler gemacht zu haben, dann sind wir besonders empfänglich für die Wahrnehmung von kritischen Signalen aus der Umgebung. Diese Selbst- (oder innere) Stigmatisierung wird dann von aussen verstärkt. Mit der ärztlichen Routinefrage nach dem Rauchen wird möglicherweise unbewusst bereits ein Vorwurf transportiert. Und auf der Seite des Patienten wird diese Frage aufgrund der bestehenden Selbststigmatisierung noch verstärkt als Schuldzuschreibung aufgefasst.

Die Krebsdiagnose führt an sich oft schon zu «Distress», also einer emotional belastenden Verarbeitung der Erkrankung. Hinzu gesellt sich dann speziell bei Lungenkrebs noch diese innere und äussere Stigmatisierung, die den Distress weiter verstärkt.

 

Wirkt sich das unvorteilhaft für die Therapie aus?

Euler: Genau. Der Distress kann zur erhöhten Wahrscheinlichkeit des Auftretens von Angststörungen und depressiven Erkrankungen führen. Dies beeinträchtigt die Lebensqualität natürlich massiv. Die Angst vor Stigmatisierung kann zudem Vermeidungsverhalten begünstigen. Es kann beispielsweise Betroffene daran hindern, sich ärztlich beraten zu lassen. Dadurch wird möglicherweise die Erstdiagnose verzögert und damit wertvolle Zeit für eine erfolgreiche Behandlung verloren. Als Beispiel dient der Bluthusten. Den Betroffenen ist oft der Zusammenhang zwischen Rauchen und Erstsymptomen bewusst, doch lassen sie sich dann trotzdem nicht untersuchen und die Symptome abklären. Die Symptome werden verleugnet und damit wird die Konfrontation mit einer möglichen schlechten Nachricht vermieden. Fälschlicherweise kommt dann noch die Annahme hinzu, dass bei einer Lungenkrebsdiagnose die Prognose grundsätzlich schlecht sei. Das kann eine verspätete Überweisung an ein spezialisiertes Krebszentrum zur Folge haben.

Die Angst vor Stigmatisierung kann zudem Vermeidungsverhalten begünstigen. Es kann beispielsweise Betroffene daran hindern, sich ärztlich beraten zu lassen.

PD Sebastian Euler

Muss die Frage nach dem Rauchen gestellt werden?

Euler: Die Frage sollte in eine explizite Begründung eingebettet werden, dass die Antwort wichtige Hinweise für die Diagnose und Therapie gibt und nichts mit einer Schuldzuweisung zu tun hat. Schliesslich gibt es auch Lungenkrebsformen die spontan und ohne Rauchen auftreten.

 

Wer Lungen hat, kann auch Lungenkrebs bekommen?

Euler: Genau. Rund 20 Prozent der Lungenkrebspatienten haben nicht geraucht und gesund gelebt.

 

Wie können die Betroffenen dieses innere Stigma bewältigen?

Euler: Die Psychoonkologie, die an jedem spezialisierten Behandlungszentrum angeboten wird, kann viel dazu beitragen Schuldgefühle, dieses innere Stigma, zu verarbeiten und abzubauen. Die Betroffenen sollen nicht vermeiden darüber zu sprechen, denn das ist kontraproduktiv, weil das Phänomen bei den Patient*innen und in ihrem Umfeld existiert. Darum soll das Thema in der ärztlichen Betreuung aktiv angesprochen werden. Patient*innen sollten das Angebot zur psychoonkologischen Betreuung annehmen und sich trauen, darüber zu sprechen. Hilfreich sind sicher auch öffentlichkeitswirksame Kampagnen sowie Selbsthilfegruppen, die es den Patienten erleichtern können, sich mitzuteilen.

Journalist: Thomas Ferber