Luft
Lungenkrebs
Expertenbericht

Wie kann die Diagnose Lungen­krebs psychisch verar­beitet werden?

Dr. med. Christine Szinnai
Fachärztin für Allgemeine und Innere Medizin
Spez. Psychosomatik
Klinik Schützen Rheinfelden &
Praxis für Psychosomatik und Psychoonkologie Basel

Eine Krebsdiagnose ist immer ein Schock. Besonders Lungenkrebs wird immer noch mit einer schlechten Diagnose assoziiert und belastet die Betroffenen sehr. Wie mit dem Schock, der Belastung und Schuldgefühlen umgegangen werden kann, erklärt uns Dr. Szinnai im Videointerview. 

Verarbeitung der Diagnose

In der Schocksituation nach der Diagnose können die Betroffenen die Informationen der Ärzt*innen oft nicht aufnehmen und verarbeiten. Eine wichtige Stütze sind hierbei Angehörige, welche die Betroffenen begleiten. Daher sollte stets eine Begleitperson bei den Arztterminen dabei sein.

 

Verarbeitung des Schocks

Es gibt viele Angebote für psychologische Unterstützung und es ist wichtig, dass Betroffene dieses nutzen. Gespräche mit einer neutralen Person können helfen, die schwierigen Gefühle besser einzuordnen. Auch die Realisation, dass Angstgefühle in dieser Situation normal sind, ist ein wichtiger Schritt im Verarbeitungsprozess. Obwohl eine positive und kämpferische Einstellung natürlich sehr gut ist, müssen auch Angst und Schwäche einen Platz finden.

 

Kommunikation mit den Ärzt*innen

Die Patienten sollten den Ärzt*innen mitteilen, wie sie sich fühlen und auch eventuelle durch die Behandlung auftretende Beschwerden kommunizieren. Diese können oft behoben werden.

Bei der Vorbereitung auf das Arztgespräch hilft es, die offenen Fragen auf einer Liste zusammenzufassen. Wenn etwas nicht verständlich ist, oder die Patientin sich nicht verstanden fühlt, soll dies unbedingt mitgeteilt werden.

Die Mimik und Gestik der Ärzt*innen wird schnell einmal missverstanden. Ein gefühlt besorgter oder strenger Blick des Arztes auf die Patientenakte muss nichts bedeuten und wird oft fälschlicherweise als schlechtes Signal gedeutet. Wer ein ungutes Gefühl hat, fragt am besten direkt nach.

 

Eigener Beitrag zur Verbesserung der Situation

Grundlegende Veränderungen und radikale Umstellungen der Lebensgewohnheiten sind oft medizinisch wenig sinnvoll und für den Patienten eine zusätzliche Belastung. Daher sollte auf diese verzichtet werden. Erfahrungsgemäss hilft es Betroffenen, wenn sie eine moderate, körperliche Aktivität aufrechterhalten können.

 

Schuldgefühle bei Lungenkrebs

Lungenkrebs ist die Krankheit, vor der sich alle Raucher fürchten. Viele wollen mit dem Rauchen aufhören, aber schaffen es nicht. Das führt bei der Diagnose zu grossen Schuld- und Schamgefühlen. Oftmals ist sogar das Gespräch mit Angehörigen für die Betroffenen schwierig, weil sie Angst vor dem tadelnden «Ich habe es dir ja gesagt» haben.

In erster Linie ist es wichtig anzuerkennen, dass Scham, Schuld oder andere negative Gefühle angesprochen werden dürfen, denn sie sind legitim und ihnen muss Platz gewährt werden. Danach sollen diese Gefühle abgelegt oder in den Hintergrund gerückt werden, da sie den Heilungsprozess behindern. Ein Gespräch mit einem Psychoonkologen kann dabei helfen.

Angehörige sollten einsehen, dass die Diagnose Lungenkrebs eine belastende Situation für den Betroffenen darstellt und Vorwürfe nichts bringen. Auch die eigenen Ängste von Angehörigen dürfen angesprochen werden.

Eine Krebserkrankung kann jeden treffen und es hat nichts damit zu tun, dass man etwas falsch gemacht hat. Auch Nicht-Raucher können an Lungenkrebs erkranken. Schamgefühle und Schuldzuweisungen sind daher nicht angebracht.

 

Tabuthema Krebs

Trotz der Häufigkeit von Krebs ist die Krankheit immer noch ein Tabuthema. Eine Krebsdiagnose zu kommunizieren fällt den Patient*innen viel schwieriger als beispielsweise über einen Herzinfarkt zu sprechen. Eine mögliche Erklärung hierfür ist die Annahme, dass nach einem Herzinfarkt das Leben wieder wie vorher weitergeführt werden kann. Bei Krebs wird eher davon ausgegangen, dass nicht mehr zur vorherigen Situation zurückgekehrt werden kann. Öffentlich über Krebs zu sprechen und Informationen über die verbesserten Prognosen zur Verfügung zu stellen, kann helfen, dem Tabu entgegenzuwirken. 

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