Gynäkologische Krebserkrankungen
Gynäkologische Krebsarten
Expertenbericht

Gynäko­logische Krebs­erkrankungen: Wo stehen wir heute, was bringt die Zukunft?

Gynäkologische Krebserkrankungen Experte Andreas Günthert

Prof. Dr. med.
Andreas Günthert

Leiter gyn­zentrum
Luzern und Cham

Der Weg von der ersten Anlaufstelle bis zur geeigneten Therapie ist für Patientinnen mit gynäkologischem Krebs oft kein leichter. Prof. Günthert, Leiter des gyn-zentrums Luzern und Cham, gibt hierzu Auskunft und wagt einen Ausblick, in welche Richtung sich die Behandlung von gynäkologischen Krebsarten in der Schweiz entwickeln wird.

Prof.  Günthert  im  Gespräch

Prof. Günthert, was macht eine gynäkologische Krebserkrankung für Betroffene so schwierig?

Die gynäkologischen Krebs­arten sind eher weniger bekannt und die Patientinnen fühlen sich meist sehr allein damit. Dazu kommen sehr individuelle Aspekte wie das soziale Umfeld, die psychologische Ausgangslage sowie persönliche Bedürfnisse oder Nebenerkrankungen, welche die somatische Krebserkrankung oft in einen komplexen Zusammenhang setzen.

 

Was würde den Betroffenen den Umgang mit der Krankheit erleichtern?

Ein unkomplizierter Zu­gang zu Informationen und ein Netz an Menschen mit der richtigen Expertise von ausgebildeten Gynäkoonkologen über Psychoonkologen bis hin zu anderen Betroffenen. Den Patientinnen ist meist nicht klar, dass es in der Behandlung von gynäkologischen Krebserkrankungen ausgebildete Spezialisten benötigt, die über die komplette Infrastruktur mit einem interdisziplinären Auffangnetz verfügen. In einigen Kantonen ist dies bereits der Fall. Es fehlt aber eine landesweite Regelung. Wichtig wäre der unmittelbare Kontakt zu einer Selbsthilfegruppe, die Adressen für Zweitmeinungen anbietet und den persönlichen Erfahrungsaustausch ermöglicht.

Wie finden Betroffene Anlaufstellen für eine qualitativ hochwertige Behandlung?

Meist durch die Zuweisun­gen ihrer Hausärzte oder ihrer Gynäkologen. Sie können sich auch unabhängig davon bei der Krebsliga oder im Internet informieren. Es gibt etliche zertifizierte Zentren in der Schweiz, die bestimmte Qualitätskriterien erfüllen müssen. Wichtig ist das direkte Gespräch mit ausgebildeten Gynäkoonkologen, die in einem interdisziplinären Netzwerk arbeiten.

 

Auf welche Art von Behandlung setzen die Spezialisten heute bei gynäkologischen Krebserkrankungen?

Die Behandlung richtet sich nach der Grunderkrankung, den individuellen Aspekten und dem Ausmass der Grunderkrankung. In den meisten Fällen ist eine Operation empfehlenswert. Auch Strahlentherapie und medikamentöse Therapien kommen zum Einsatz. Letztere sind meist Chemotherapien. Manchmal besteht auch die Möglichkeit, mit hormonellen Therapien zu behandeln oder neue Medikamente einzusetzen, die abhängig von molekular­ biologischen Faktoren ausgewählt werden und weniger Nebenwirkungen haben als die meisten Chemotherapien. Insbesondere in der Therapie des Eierstockkrebses wurden hier in den letzten Jahren deutliche Fortschritte erzielt.

«Die Behandlung und Betreuung von Patientinnen mit gynäkologischen Krebserkrankungen wird zunehmend komplexer und wird sich auf spezialisierte Zentren konzentrieren.»

Prof. Andreas Günthert

Welche Vorabklärungen sind für den Therapieentscheid nötig?

Zunächst erfolgt eine klini­sche Untersuchung, das Gespräch über die Bedürfnisse und meist eine Sicherung der Diagnose durch eine Biopsie, also eine Gewebeprobe. In der Gynäkologie ist die Ultraschalluntersuchung von grosser Bedeutung. Ergänzend können eine Computertomographie, ein MRI oder ein PET­CT zum Einsatz kommen. Bei beste­henden Vorerkrankungen erfolgt eventuell mit den betreuenden Hausärzten oder Internisten eine Absprache.

 

Stichwort Hochspezialisierte Medizin: Was bedeutet dies und wie ist der Stand in der Schweiz?

Die hochspezialisierte Me­dizin (HSM) regelt, wer welche Erkrankungen behandeln darf und welche Voraussetzungen dafür erfüllt sein müssen. In der Gynäkoonkologie sind hier aktuell positive Entwicklungen zu verzeichnen. Natürlich führt dies auch zu Einschränkungen bei behandelnden Ärzten, die dann in Zukunft bestimmte Behandlungen oder Eingriffe nicht mehr durchführen dürfen. Es steckt also hinter der Erarbeitung der Vorgaben viel Konfliktpotential. Vorreiter ist der Kanton Zürich, der bereits etliche Regeln erarbeitet hat. Auch andere Kantone übernehmen nun diese Vorgaben schrittweise. Vorgesehen sind aktuell in der Schweiz anerkannte Zertifizierungen, einerseits wie sie bereits etliche Zentren haben durch die Deutsche Krebsgesellschaft oder nach einem noch nicht etablierten Schweizer Label, analog zum Q­Label der Brustzentren.

Ein Blick in die Zukunft: wie verändert sich die Behandlung von gynäkologischen Krebsarten in den kommenden Jahren in der Schweiz?

Die HSM wird dazu führen, dass die Behandlungsqualität flächendeckend zunehmen wird und sich die Behandlung der gynäkologischen Krebsarten auf spezialisierte Zentren konzentrieren wird. Dies bedeutet aber auch für viele Patientinnen, weitere Wege in Kauf zu nehmen. Eine enge Zusammenarbeit der Zentren mit den Hausärzten oder den zuweisenden Gynäkologen ist essenziell, zumal der persönliche Bezug zu behandelnden Ärzten in Zentren eventuell nicht mehr mit der heutigen Situation vergleichbar ist. Zudem gibt es auch viele Neuerungen betreffend Therapiemöglichkeiten. Das Stichwort ist hier die «personalisierte Medizin», bei der viele individuelle Aspekte und die Molekularbiologie berücksichtigt werden. Die Therapiemöglichkeiten werden wesentlich komplexer abgestimmt, wobei die medikamentösen Therapien immer teurer werde. Diese können aber in vielen Fällen Verläufe ermöglichen, die vor wenigen Jahren nicht denkbar waren. 

Journalistin: Catherina Bernaschina