Lungenkrebs Immuntherapie: Ein Wald im Nebel
Lungenkrebs
Expertenbericht

Immun­therapie bei Lungen­krebs: Bestimmte Formen erfolgreicher behandelbar

Lungenkrebs Immuntherapie Expertin Dr. Curioni

PD Dr. med. Alessandra Curioni
Oberärztin Onkologie
Stv. Leiterin Lungen-und Thoraxonkologiezentrum
Universitätsspital Zürich

Noch steht die Immuntherapie bei Lungenkrebs erst am Anfang, doch bei bestimmten Formen wurden teils spektakuläre Erfolge erzielt. Privatdozentin Dr. Alessandra Curioni-Fontecedro vom Universitätsspital Zürich kommentiert anhand ihrer Patientin Cinzia, welche Bedeutung die Immuntherapie bei Lungenkrebs hat.

Dr. Curioni, wie funktioniert die Immuntherapie bei Lungenkrebs?

PD Curioni: Das Immunsystem ist darauf spezialisiert, körperfremde Bestandteile zu eliminieren. Dazu gehören Mikroorganismen, die nicht zur natürlichen Flora des Organismus gehören und auch Krebszellen. Nun gibt es aber Krebszellen, die das Immunsystem in den «Schlaf» versetzen, beziehungsweise zur Untätigkeit verleiten. Das umliegende Gewebe kann diese Tarnung unterstützen. Das Immunsystem lässt sich täuschen und unternimmt nichts gegen den Krebs. Doch die Immuntherapie stört dieses Versteckspiel und damit wird der Krebs für das Immunsystem wieder sichtbar und es kann den Tumor bekämpfen.

 

Wann wurde diese Therapie eingeführt?

PD Curioni: Diese Therapie wurde seit 2015 in der Schweiz im Rahmen von klinischen Studien langsam bei Patient*innen mit fortgeschrittenem, sogenanntem nicht kleinzelligem Lungenkrebs nach erfolgloser Ersttherapie eingeführt. Aufgrund der Behandlungserfolge wurde die Immuntherapie bald auch als Ersttherapie eingesetzt, allein oder in Kombination mit einer Chemotherapie. Mittlerweile ist die Immuntherapie eine Standardbehandlung bei den meisten Patient*innen mit Lungenkrebs. Sie hat zu einer deutlichen Verbesserung des Gesamtüberlebens bei diesen Betroffenen geführt.

 

Warum sprechen nicht alle Lungenkrebspatient*innen gut auf die Immuntherapie an?

PD Curioni: Die Tarnung der Krebszellen spielt nicht bei allen Krebsformen eine Rolle, darum wird dort die Immuntherapie nicht allein eingesetzt.

Mittlerweile ist die Immuntherapie eine Standardbehandlung bei den meisten Patient*innen mit Lungenkrebs. Sie hat zu einer deutlichen Verbesserung des Gesamtüberlebens bei diesen Betroffenen geführt.

PD Curioni

Deshalb ist es wichtig, das Lungenkrebsgewebe vor der Therapie zu analysieren?

PD Curioni: Richtig. Entnommenes Tumorgewebe wird untersucht und mit der molekularbiologischen Untersuchung der Tumorzellen können genetische Abweichungen (Mutationen) sowie andere Struktur- und Stoffwechselveränderungen bestimmt werden. Damit lässt sich der Tumor einordnen und es kann die richtige, gezielte Therapie erfolgen. Wir können am Universitätsspital Zürich innerhalb von weniger als drei Arbeitstagen die Krebsform und damit die Therapie bestimmen.

 

Welche verschiedenen Behandlungsmöglichkeiten erlaubt die Immuntherapie?

PD Curioni: Im fortgeschrittenen Stadium vier mit Metastasen, wie beispielsweise bei unserer Patientin Cinzia, machen wir entweder eine Immuntherapie mit einem oder zwei verschiedenen Wirkstoffen, oder wir kombinieren die Immuntherapie mit der Chemotherapie. Wenn der Tumor erst lokal fortgeschritten ist, nicht operiert werden kann, aber noch keine Ableger gebildet hat, d. h. im Stadium drei, setzen wir die Immuntherapie nach der Chemo- und Radiotherapie ein. Bei einem günstigen Verlauf kann dann das noch mit einer Operation kombiniert werden.

 

Wie war der Ablauf für Ihre Patientin Cinzia mit ihrer Immuntherapie?

PD Curioni: Bei der Tumoranalyse haben wir im umliegenden Gewebe ein Eiweiss mit dem Namen PD-L1 gefunden. Es bewirkt, dass der Tumor nicht vom Immunsystem angegriffen wird. Die Immuntherapie hat das unterbunden. Weil die Patientin sehr gut auf diese Therapie angesprochen hatte, konnten wir sogar den ganzen Tumor chirurgisch entfernen. Dank dieser massgeschneiderten Therapie, die auch die Bestrahlung miteinschloss, sind der Tumor sowie die Metastasen vollständig verschwunden.

Lungenkrebs Immuntherapie: Ein Wald im Nebel

Das zeigt das wichtige Zusammenspiel der verschiedenen Fachdisziplinen.

PD Curioni: Dieses Zusammenspiel ist eigentlich das Wichtigste für die Patient*innen. Es ist klar, dass wir versuchen, die Erkrankung gemäss Richtlinien zu behandeln, gleichzeitig möchten wir aber die Patient*innen massgeschneidert behandeln. Das ist nur möglich, wenn alle Behandlungsoptionen bekannt sind. Dafür ist die Zusammenarbeit unerlässlich.

 

Ist Cinzia ein Einzelfall?

PD Curioni: Cinzia war eine unserer ersten Patienten, doch mittlerweile gibt es viele erfolgreich mit Immuntherapie behandelte Patient*innen. Dank Cinzia konnten wir auch Langzeiterfahrungen sammeln, die anderen Patient*innen zugute kommen. Die Immuntherapie wird bald in früheren Krankheitsstadien zur Anwendung kommen. Doch es gilt noch viel zu erforschen und zu verstehen, um die Behandlung weiter zu verbessern. Darum ist die Forschung sehr wichtig, auch die unabhängige universitäre Forschung. Hier wird unsere Forschungsgruppe von der Krebsliga Schweiz sowie auch von der Lungenkrebsstiftung unterstützt.

 

Cinzias Sicht der Dinge kann hier nachgelesen werden.

Journalist: Thomas Ferber